Sonntag, 14. März 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Herrlich: 4 Mo 11.12. Marcks erzählte, er habe, als Charkow gefallen ist, Buch 34 die Hölle von Dante aufgeschlagen: vexilla regis prodeunt inferni! Fabelhaft; schönes Gespräch über den κατέχων; die gute Frau; wunderbar die Frau: Wilhelm I. war der κατέχων, Bismarck der Böse! Das sagt die Schnur des Bismarck-Historikers! Schuld. Die Wiedertäufer in Münster, die Mystik; Anima brachte ihm noch „Land und Meer“. Nachmittags Goruneanu, der den „Römischen Katholizismus“ großartig fand, von Mihai Atonescus Bedeutung, daß in 2 Jahren niemand mehr von ihm sprechen wird, ein „irrelevanter“ Mensch;⁠ ich liebe ihn sehr; er und Barbul sind wohl eher die singulariter dilecti. Spaziergang durch den Park zum Grunewald, darüber daß man sich nicht bestechen lassen darf, nicht billig verkaufen, daß der Wille zur Macht Wille zum Soldaten- und Königtum im Termitenstaat ist und weiter nichts; abends Frau Hahm weinend, weil ihr Mann stirbt;⁠ begleitete sie nach Hause.

    Brief an Bruno Brehm: Sehr verehrter Herr Bruno Brehm! Die Frage „Warum schreibt Schmitt das für ein Mädchen und nicht für uns Männer“ sticht mich gewaltig ins Herz. Das ist aber kein Thema für eine schriftliche Darlegung, am wenigsten bei mir, da mir der Weg vom gedachten Wort zum geschriebenen Buchstaben immer länger und abwegiger wird. Umso lebhafter ist mein Wunsch, Ihnen im Gespräch zu antworten. Vor 12 Jahren sind Sie mir durch Ihren Roman Apis und Este“ begegnet,⁠ zu dessen eifrigen Verbreitern ich mich zählen darf. Gerade in den letzten Tagen hatte sich jene Begegnung aufs Stärkste erneuert, durch die Lektüre der Akten des Salonikiprozesses, die Prof. Uebersberger 1933 veröffentlicht hat; [(]er hat vor kurzem auch den authentischen Wortlaut der Schlußrede des Obersten Dimitrivić entdeckt).⁠ So traf Ihr Brief vom 11. März nicht eigentlich auf einen Fremden. Aber ich kann trotzdem nur damit antworten, daß ich den Wunsch ausspreche, Sie persönlich zu sehen. Je weniger heute – scheinbar – das Menschenleben gilt, umsomehr gilt mir eine Bekanntschaft unter contemporanen Erdgenossen, wenn das leibliche Auge, die retina, das Bild eines Menschen und das Schneckengewinde im Ohr seine Stimme aufgenommen hat, und je phantastischer sich die technischen Kommunikationsmittel steigern und, wie man behauptet, „Raum und Zeit überwinden“, umso mehr halte ich mich an das hic et nunc einer ganz primitiven räumlichen Präsenz von Mensch zu Mensch. Ich weiß auch nicht recht, wie ich Ihrem Wunsch, Bücher von mir zu nennen, entsprechen soll. Verzeihen Sie, daß mir da etwas schaudert vor meinem eigenen opus operatum. Soll ich Ihnen, Bruno Brehm, in juristisch-fachlichen Verpanzerungen entgegentreten, die anderswo sehr zweckmäßig sein mögen? Nein, ich hoffe auch in dieser Hinsicht auf eine freundliche Fügung, die uns bald zu einem guten Gespräch zusammenführt. Die Empfehlungen an Anima⁠ habe ich bestellt; sie war darüber sehr stolz und hat sich ganz außerordentlich gefreut. Ich erwidere ihre Grüße bestens und bitte Sie, mich aufzusuchen, wenn Sie einmal nach Berlin kommen, ebenso wie ich mich bei Ihnen [in] Wien melden werde. Ich bin mit herzlichem Dank für Ihren Brief stets Ihr aufrichtig ergebener Carl Schmitt. Widmungen der Positionen: an Barbul:⁠ In nova fert.⁠ an Mihai Antonescu:⁠ virtu contra furore. Beide nahm Goruneanu mit.

    Sonntag, 14/3 43. Herrlich: 4 Mo 11.12. Hab ich nun all das Volk empfangen oder geboren, daß du zu mir sagen magst: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern geschworen hast? Marcks erzählte, er habe, als Charkow gefallen …

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