Dienstag, 23/3 43. Jes. 32,16: „Und das Recht wird in der Wüste wohnen, und Gerechtigkeit auf dem Acker hausen, und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Gerechtigkeit Nutz wird ewige Stille und Sicherheit [sein“]. Vielleicht wird dann das Recht sogar auf dem Meere wohnen! Von dem Wein heftige Kopfschmerzen, auf den Augen und oben im Scheitel, daher Angst, das Schicksal des armen Hahm zu erfahren. 2 Soldaten brachten Fett aus Serbien von der Schwester Duschkas. Ich besorgte einige Kleinigkeiten und dachte darüber nach, daß ich schon 10 Jahre Professor in Berlin und Staatsrat bin; die 10 Jahre 23 – 33 waren viel schöner. Mit Kopfschmerzen zur Bibliothek, Gottfried Benns Aufsätze geholt, Eifer sie Jup zu schicken, tat es aber nicht. Vorlesung gut, freute mich darüber. Benn gelesen, oft mit Bewunderung dann wieder mit Abneigung; er saß doch tief im Schmutz. Rief nachmittags bei ihm an und fragte, ob ich ihm etwas an die im Telefonbuch genannte Adresse schicken kann, eine nette Frauenstimme antwortete. Schickte ihm Land und Meer mit der Widmung „ωρ αειζω“. Entdeckte bei ihm einen Satz über den Schmerz, der vor Jüngers Aufsatz ist; (der Schmerz als Entlarver[)]. Das große Datum 23.7.1847, Helmholtz entwickelt in der Berliner Physikalischen Gesellschaft Robert Mayers Gesetz von der Erhaltung der Energie, mechanisch begründetes, allgemeines Naturgesetz; damit beginnt die volle Begreiflichkeit der Welt als Mechanismus. Das andere Datum 1859: Erscheinungsjahr von Darwins Theorie; der Mensch der hochgekämpfte dicke Affe. Aus diesen beiden Daten entstand der Montage--Typ, jeder Vorstellung einer menschlichen Schicksalshaftigkeit zynisch entwachsen (Nach dem Nihilismus 1932). 1885/6 Nietzsches „Wille zur Macht“, dessen 1. Buch den Untertitel führte: Der europäische Nihilismus. Geburtsstunde des Wortes März 1862, als Turgenjews „Väter und Söhne“ erschien. „Weiter können auch russische Geschichtsforscher diesen Begriff nicht verfolgen“. (So?) Nietzsche sieht den Übermenschen noch biologisch positiv; wir sehen ihn bionegativ; aus Werten, die die Rassen schädigen, entwickeln sich die Genialität und Differenzierung des Geistes; der Geist ist dem Leben übergeordnet, der konstruktive Geist. Er sieht nicht, daß der Mensch im Ganzen, auch der animalische, biologisch ist. 1882 Dubois-Reymond in seiner Berliner Rektoratsrede „Goethe und kein Ende“: Shakespeare, Molière, Schiller blieben schaffensfreudig bei der Stange. Goethes Arbeiten über Naturwissenschaft sind totgeborene Kinder eines Dilettanten usw. 1808 gegnet die moderne Naturwissenschaft: Begriff des Atoms bei Dalton. Entzückend Goethe an Jacobi über Bacon: Dieser kommt mir vor wie ein Herkules, der einen großen Stall von dialektischem Mist gereinigt hat, um ihn mit Erfahrungsmist zu füllen. Wer mit der Zeit mitläuft, wird von ihr überrannt; aber wer stillsteht, auf den kommen die Dinge zu. (Benn)
Las des Nachts den Aufsatz von Wittich über Kaspar Hauser (Hochland 30). Die Besprechung, die Steinbömer von dem Buch Masurs über Stahl gemacht hat: der jüdische Jüngling (Stahl!), nobel gekühlt, sic. Aber auch vieles sehr schön, besonders das Zitat Stahls: alles Wissen ist Geschichte und wird wieder Geschichte, wenn es Weisheit wird.