Samstag, 20. März 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . War nicht imstande aufzuschlagen; versagte sich mir. Man lernt ein Buch zu schnell manipulieren. Damit wird die unsichtbare Hand, die uns führen muß, verdrängt und vergrämt. Winckelmann (an Usteri 15.1.1763): „Es schauert mich die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schinder der Völker denke[] (Schinder der Völker!), []welcher das von Natur selbst vermaledeite und mit lybischem Sand bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluche beladen wird.“ Also: Wer brachte den Fluch?! Hier haben wir einen Fluch des Bruders von Hölderlin! Entdeckte in Balls Folgen der Reformation die Stelle über die Vernichtung der Bildkraft, als Folge der Reformation.⁠ Ferner seine Äußerung über Bruno Bauer. Er hat ihn also bemerkt, weiß aber nichts von seiner weiteren Entwicklung; immerhin stellt er ihn mit Marx gleich, und wittert hier etwas Wichtiges. Lasst euch das Herz nicht entsinken, schrieb Thomas Müntzer; []es ist das gerechte Urteil Gottes, daß die Tyrannen so jämmerlich verstockt sind; denn Gott will sie mit der Wurzel ausreißen.“ Jetzt aber sagen sie Europa, und nisten sich in diese Ruinen ein, wie es sich für niedrige Dämonen gehört;⁠ Kadaververwertung und Ruinen-Raumverwertung. Die „Keim-feindschaft“ (aus der Vermischung feindlicher Rassenräume gehen die Genies hervor,⁠ finde ich bei Benn (1931)[)]. Alle Kreter lügen; wie kommt einer dazu, das zu sagen; nun, das erfahren wir Deutschen ja jetzt selber. Denke ich an einen Eugen Fischer und andere brave Männer, so habe ich keine Lust, ihnen etwas zu glauben, das sind nicht individual-psychologische Angelegenheiten. Lügen ist ein Rassenproblem, sehr gut; der Genotyp lügt, das ist schlimmer als aller reizender Schwindel des Phänotyp. (Die Unterscheidung von Johannsen, dem großen dänischen Erbforscher); „Es gibt nur den Einsamen und seine Bilder, seit kein Manitu mehr zum Clan erlöst.“ (Benn); die mystische Partizipation (saughaft und getränkehaft genommen) Lévy-Bruhl: Das logische (?) Denken liefert kein Äquivalent für die Elemente, die es eliminiert! Es kann daher niemals der Erbe der prä-logischen Denkweise sein; verglichen mit der Participation, die das prälogische Denken realisiert, ist dieser Besitz immer nur unvollkommen, unzureichend und äußerlich!! Die Seele trachtet nach Tieferem als nach logischer Erkenntnis usw.⁠ Dieser großartige Jude! Wer träumt den Traum? (fragt Benn) Das Ich ist nur eine späte und flüchtige Stimmung der Natur; Innen und Außen sind spät geschieden und für gewisse selten kontrollierte Schichten nicht einmal exakt;⁠ „Termiten mit Raum-Neurose“ (Benn). Schrieb vormittags an Verdross zu seinem Aufsatz über Heraklits Rechtslehre, νόμος ist Landnahme, ist der Bauer, der König und Ernährung; Krieg ist πόλεμος und nicht άγων.⁠ Wie sinnlos, solche Briefe, aber es trieb mich etwas dazu, nicht der Geist, sondern die falsche Anarchie des Gutausgeschlafen- und Gutgefrühstückthabens. Denke an den Ausspruch Goethes von seiner italienischen Reise: Er habe Diät gelebt, damit nicht er die Dinge steigert, sondern daß Dinge ihn steigern können! Dachte an den mickrigen Hegel, als ich bei Ball las: „Sie graben unterirdische Schächte und Gänge nach allen Seiten; aber sie nützen sie nur für die Ausflucht, wenn sie den geraden, den aufrechten, den menschlich logischen Weg gehen sollten; nur wenn es, selbst um den Preis der Zerstörung, ihre ‚Freiheit‘ betrifft. Ich spreche von der Versklavung selbst (von der Musik, dem Glanze unserer Versklavung), von jenem abgeblendeten, verkrochenen, unheimlichen Wesen, das unter der albernen Oberfläche eines konzilianten, bieder schmunzelnden Optimismus die böswillige Rache derer übt, die, lange verderbt, ihr aufrechtes Manntum eingebüßt haben.“ Nachmittags zum Tee bei Brinkmann, Frau Jessen und Popitz waren da, beiden war ich fremd. Traurig auf mich zurückgezogen, der liebe gute Carl Brinkmann mit seiner großen Belesenheit und seinem unendlichen Wissen. Ich sprach über das Postministerium. Popitz war feindlich gegen mich, worunter ich sehr litt. Wohin gehöre ich denn, einsames Mückchen. Brinkmann ging mit zum Nürnberger Platz, wir waren immer in Erwartung eines Fliegeralarms. Erzählten von der Elite, von den Gerüchten über die Milderung der Judenbehandlung. Ich las den Aufsatz von Grewe über die Epochen des Völkerrechts, und lebte zuhause etwas auf, trank einen Cognac und war wieder beruhigt. Grauenhafter Zustand des Zurückgeschleudertwerdens. Ganz armer Teufel, poltere, auch gegenüber Jünger, der sich einen Hof im Spreewald kauft.⁠ Arbeitsunfähig, früh zu Bett; Z.

    Samstag, 20/3 43. War nicht imstande aufzuschlagen; versagte sich mir. Man lernt ein Buch zu schnell manipulieren. Damit wird die unsichtbare Hand, die uns führen muß, verdrängt und vergrämt. Winckelmann (an Usteri 15.1.1763): Es schauert mich die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen …

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