Sonntag, 28/3 43. Notierte mir morgens um 6: Sie schließen das Wesentliche aus und stellen einen leeren, immer wieder in sich selbst zurücklaufenden Kreislauf her; sie geben kein Äquivalent für das, was sie ausschließen, dafür aber eine Beschleunigung der Umlaufsgeschwindigkeit. Das ist das Gesetz von der Erhaltung der Energie, oder die ewige Wiederkehr des Gleichen, oder die Lückenlosigkeit eines durch zuständige Gerichte geschlossenen positivistischen Gesetzessystems. Sie kennen kein non liquet, weder tatsächlich noch rechtlich, aber auf dem Hintergrund eines ignorabimus. Welch Unanständigkeit gegenüber dem Recht und gegenüber den Tatsachen. Eventuell die Klage abweisen, das heißt, ein Unrecht bestätigen oder ungesühnt lassen, und es dadurch zu sanktionieren. Hörte die Signale der Feuerwehr und erinnerte mich des Verses von Jesaja vom vorigen Morgen. Warnung des Gottes Abrahams. Schlug auf: Esr. 4,1-3: Die Kinder des Gefängnisses bauen den Tempel; als das Volk im Land mitbauen will, antworten sie: „Wir wollen allein bauen.[“] (So sprechen die zurückgekehrten Migranten zu den im Land Gebliebenen! Das ganze Buch Esra eine Geschichte der zurückgekehrten Migranten, einschließlich ihrer Rassegesetzgebung! Überaus lehrreich und beispiellos in der übrigen Weltliteratur; großartiges Buch, das Alte Testament). Hatte etwas Vogelbrennen; arbeitete an dem Aufsatz über den Nomos, frühstückte (mit mißglücktem Kaffee), da kam um ¼ 10 die Post und das Telegramm vom 27/3: Mutter 18 Uhr gestorben; Vater. Also gestern, als ich von ihr erfüllt war und am Schreibtisch saß. Ruhig und vertrauensvoll. Du liebe Mutter, ich war doch dein bevorzugter Sohn. Duschka weinte, wir beschlossen morgen zusammen nach Plettenberg zu reisen. Um ½ 11 holte mich Carl Brinkmann zu einem Spaziergang ab, wir gingen zum Grab Hahms und der Frau Popitz; unterwegs wunderschön unterhalten über die häßliche Absurdität von Nietzsches „Übermensch“, die Geschmacklosigkeit eines solchen Wortes, die Ironie, mit der es bei Goethe gebraucht wird, politische Verbrechen, schließlich über Großraum, Autarkie, Anarchismus und Nihilismus, Großraum nihilistischer als die Welteinheit. Um 12 fuhr er mit der U-Bahn zurück. Begleite Duschka zur U-Bahn, sie fuhr zu Frau . Dann mit Anima zu Mittag gegessen und allmählig immer trauriger, wegen des Todes der Mutter. Die Steuererklärung schnell erledigt. Vorlesungen abgesagt. Mittags schlecht geschlafen, nervös, arme Mutter; träumte von Ott: Ich gehe mit ihm spazieren, er wohnt bei mir, es kommt ein heftiges Gewitter, währenddessen ich die Worte hörte: repraesentatio humanitatis. Er wohnt bei mir und ich überlege, ob ihn das nicht kompromittiere. Nachher an Frau Jünger geschrieben: Ich habe die Stunde (des Todes meiner Mutter) mit exakter Deutlichkeit gefühlt und der Abschied war wie eine Zusammenfassung der vielen Erinnerungen, die eine Mutter mit ihrem Sohn und einen Sohn mit seiner Mutter verbinden. Die Zukunft dieser Verbindung ist dabei ebenso wirklich, wie die Vergangenheit.
Sonntag, 28. März 1943
Tagebucheintrag, Buch 19618
Sonntag, 28/3 43. Notierte mir morgens um 6: Sie schließen das Wesentliche aus und stellen einen leeren, immer wieder in sich selbst zurücklaufenden Kreislauf her; sie geben kein Äquivalent für das, was sie ausschließen, dafür aber eine Beschleunigung der Umlaufsgeschwindigkeit. Das ist das Gesetz von der Erhaltung der Energie, …
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Genannte Entitäten
Personen
- Anima Schmitt de Otero (20.8.1931-17.6.1983)
- Carl Brinkmann (19.3.1885-20.5.1954)
- Cornelia Popitz (1890-1936)
- Duška Schmitt (1903-3.12.1950)
- Eugen Ott (1.4.1889-23.1.1977)
- Friedrich Nietzsche (15.10.1844-15.8.1900)
- Gretha Jünger (14.3.1906-20.11.1960)
- Johann Schmitt (1853-1945)
- Konrad Hahm (10.6.1892-15.3.1943)
- Louise Schmitt (1863-1943)
Werke