Gründonnerstag, 22/4 43. Dan. 11, 15ff. (Er wird einen Wall aufschütten; ein Fürst wird ihn lehren aufhören mit Schmähungen, daß er ihn nicht mehr schmähe.) 12, 12, die 1335 Tage. Stand um 6 einen Augenblick auf, unternehmend, Freude an meinem Aufsatz und Vortrag. Dann wieder zu Bett, Traum von Hella. Sehe ihr Gesicht wie im Krampf als ein Stück schwarzen schimmligen Grauens und verkohlten Holzes; dann geil, so will sie zurück ins Bett kommen. Heftige Erektionen. Guter Einfall. Das Geheimnis von Heines Ballade die 2 Grenadiere: Die geschichtliche Bindung der Juden an den Cäsarismus, seitdem sie gerufen haben: Wir haben keinen anderen König als den Cäsar.
Holte für Duschka, die in die Kirche ging, auf der Bank 250 Mark und schrieb an Stapel. Die großen christlichen Feste erhalten neue Kraft und bringen einen mit guten Menschen mehr zusammen. So denke ich dann in diesen Tagen in treuer Freundschaft und Verehrung an Sie und erinnere mich noch in lebhafter Dankbarkeit ihres 60. Geburtstags und der schönen Feier, bei der ich Albrecht Erich Günther zuletzt gesehen habe. Dann zu seiner Repräsentation S.184/5 Staats„Volk“, teils besichtigend (das Zittern, Charakter des Begriffs ist großartig gesehen), teils fragend (vergessen sie nicht, daß Nicolaus Cusanus es introduziert und inauguriert hat. Dann zu der Heinischen Ballade die 2 Grenadiere, von der er sagt, S.262, sie enthalte keinen Zauber, sondern nur hinreißende Formulierung), „offenbar ist noch mehr drin als ‚Formulierung‘. Die Gewalt, mit der der Grenadier am Schluß aus dem Grab ‚hervor‘ steigt und mit der zweimal das Wort Kaiser ertönt, ist ungeheuerlich und jenseits aller ästhetischen oder literarischen Kategorien. Was ist das Geheimnis dieser Ballade? Es ist, wie die ganze ‚Judenfrage‘ nur vom Christentum her zu begreifen. In der Napoleon-Verehrung Heines bricht der im Karfreitag konstruierte unlösliche, weltgeschichtliche Zusammenhang von Judentum und Cäsarismus auf, ein Zusammenhang, der sich für den ganzen christlichen Äon knüpft, als die Juden riefen: ‚Wir haben keinen anderen König als den Cäsar‘ Joh. 19.15.“ Mit Pfeffer nett telefoniert, wegen meines Vortrags über die Monroe-Doktrin. Alfons Adams ist bis 3/5 verreist. Fröhlich an die „westliche Hemisphäre“ gedacht. Nachmittags gebadet, arbeitsunfähig, um 6 mit Anima in die Vorlesung rumänische Gedichte von Asta Südhaus, für die Goruneanu uns Karten gegeben hatte. Duschka kam krank aus der Kirche zurück und erbrach. Wir fuhren zur Fasanenstraße, trauriger Saal, den Gesandten Stansker, den Rektor usw. Der Saal war ziemlich leer. Der nette Horneuer. Angst vor den Menschen. Die Vorlesung war gut und rational, hatte aber nichts mit rumänischer Lyrik zu tun, außer, daß die Verfasser Rumänen waren. Die Erzählung vom Nussbaum erinnerte mich an meine eigentliche Unterlegenheit unter Duschka, und meine Erwartung des neuen sozialen Zusammenbruchs, wie er meinem Großvater widerfahren ist. Anima war aufmerksam und klug, hatte sie sehr lieb. Wir eilten um 9 nach Hause. Duschka schlief schon, Anima kochte zu Abend, sehr anständig und tüchtig, was mir gut gefiel. Aßen in der Küche und gingen müde um 11 zu Bett. Ich las noch Bruno Bauers Evangelien-Kritik von 1850; das ist doch ganz scheußlich und minderwertig; wie und , wie Hitler und Goebbels, widerliche Schulmeisterei, Rechthaberei an der Hand einer ‚ideal‘ konstruierten Urschrift. Großer Ekel, Bedauern, daß meine Freude an Bruno Bauer zusammengebrochen ist. Aber vielleicht war das bei ihm nur ein Durchgangsstadium zur Vernunft.