Sonntag, 2. Mai 1943

Zwei Einträge an diesem Tag

  • 1. Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Ziemlich frisch; wieder etwas erholt; 2 Sam. 3.14 (Gib mir mein Weib Michal, die ich mir verlobt habe mit hundert Vorhäuten der Philister),⁠ der 30. Juni in Israel; schöne, lehrreiche Geschichte. Stand um 9 auf, trank schönen Kaffee, freute mich über das Manuskript meines Nomos, das Frau Giese geschickt hatte, mit Duschka zum Schauspielhaus,⁠ Morgenveranstaltung Kayssler, über Goethe, die Schauspiellust, immer dieselbe deutsch-idealistische Synthese über Prediger, Professoren, Schauspieler, mit Goethe-Maske; säkularisierter Protestantismus; das ist alles die Vorliebe von Popitz. Popitz hielt eine einleitende Ansprache. Über Theatergeschichte als Gegenwort.⁠ Ergreifend war nur der Augenblick, in dem Kayssler von seinen Erinnerungen an das Stanislawski-Theater sprach,

    von der Größe dieser russischen Schauspieler, die die böse Dynastie kennen als einen Zwang. Duschka fand die ganze Sache fad. Mitleid mit Popitz. Wir fuhren um 1 zurück, aßen schön mit Fräulein Petrovic zu Mittag, nach dem Essen etwas geschlafen, gut ausgeruht, Winckelmann für den Abend eingeladen und etwas an meinem Manuskript gearbeitet. Bin ich einen Schritt weitergekommen, als in meiner Kindheit. Um 5 nett mit Duschka in der Küche Tee getrunken, etwas gearbeitet, um 7 kam Nebel, mit dem ich mich nett über Seneca und Stoa unterhielt, in dem schönen Garten unter den herrlichen Blütenbäumen; dann kam Winckelmann mit seiner Frau. Die Frau war besonders entzückend und rein désinvolture. Wir aßen sehr schön zu Abend, Winckelmann hatte eine Flasche Thierbacher mitgebracht; Winckelmann sieht schlecht aus, hat Nervenentzündung, mir tut das Herz weh, wenn ich diesen anständigen Menschen zugrunde gehen sehe, ganz verletzt. Er brachte mir einen Brief mit, wir waren einig: Besser durch als für.⁠ Über den Begriff des Politischen (Zeit dieses Begriffes vorbei), über []Lotte in Weimar“ als besten deutschen Roman, die furchtbaren Gräuel und sadistischen Gemeinheiten, das kommende Giftgas; Nebel sprach davon, wie schön sein Urlaub hier gewesen war, wie ihm alles zugekommen sei für . Wir hatten ihn sehr gern und blieben bis Mitternacht am Kamin. Begleitete ihn noch ein paar Schritte und verabschiedeten uns sehr nett. Hörte, daß Jünger ihm erzählt hat, wie Blo. rasiert wird.

    Sonntag, 2/5 43. Ziemlich frisch; wieder etwas erholt; 2 Sam. 3.14 (Gib mir mein Weib Michal, die ich mir verlobt habe mit hundert Vorhäuten der Philister Auch sandte David Boten zu Is-Boseth, dem Sohn Sauls, und ließ ihm sagen: Gib mir mein Weib Michal, die ich mir verlobet …

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  • 2. Tagebucheintrag, Buch 19618

    Typen wie G. Ritter (Meinecke) als Konzentration; unter dem angeblich Dämonischen schmuggeln sie falsche Götter ein; sehen nicht, daß das Problem der „Moral“ ohne Sitte kein ethisches ist, sondern das (technisch unorganisierte) Problem der Einordnung der Kräfte des Bösen und des Sadismus, die überall sind, aber nicht überall offen herrschen, außer bei den Menschen.

    . Sehr schön (Popitz zitierte Kayssler): Das Wort ist die sich öffnende Tür, führt zu einem hinter dem Wort stehenden Sinn; das sagte auch Kayssler .⁠ Ich fürchte, es hält nicht stand.

    Der 2-Fronten-Krieg der Politik (Machiavelli, Rassenfascismus, von uns zu schweigen) zwischen Theologie und Technik: integrierende Zwischenstellung: gegen die Theologie wird die Wissenschaftlichkeit der Technik, gegen das Wissenschaftliche der Technik die „Weltanschauung“ und Zunahme der bloßen Technik miteinander gebracht; gegen die Naturwissenschaft die Geisteswissenschaft, gegen die Geisteswissenschaft die Naturwissenschaft; gegen den Mythos die Exaktheit, und gegen die Exaktheit der Mythos usw.

    Die Veröffentlichung einer Prisenordnung vom 28/8 39:⁠ Das ganze Deutsche Reich setzt den englischen Zylinder auf und legt sich einen Frack zu, wie ein Anarchie-Fürst, der modern und zivilisiert erscheinen will. Sich 1919 eine 100 % liberal-rechtsstaatliche Verfassung geben, wie die von Weimar, das war gewiss eine Kapitulation, und eine Schande; aber im August 1939 eine Prisenordnung veröffentlichen, das war entweder ein dadaistischer Witz, oder eine noch viel tiefere Schande. Das also ist deine Lage, armer B.C.S.⁠

    Typen wie G. Ritter (Meinecke) als Konzentration; unter dem angeblich Dämonischen schmuggeln sie falsche Götter ein; sehen nicht, daß das Problem der Moral ohne Sitte kein ethisches ist, sondern das (technisch unorganisierte) Problem der Einordnung der Kräfte des Bösen und des Sadismus, die überall sind, aber …

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