Sonntag, 8/8 43. Erst um 10 auf, schlecht geschlafen, nervös, vielleicht der Nachmittagskaffee, aber morgens gut an dem Manuskript gearbeitet, Hoche angerufen und für Dienstag verabredet; Duschka schrieb, daß sie Anima in Cloppenburg bei Wesselings untergebracht hat und Mittwoch zurückkommt. Jetzt beginnt die Sehnsucht nach dem Kind. Las über Max Weber, ergriffen von dem, was er über den Pennalismus sagt, alles richtig; sehe mich selbst, armes Mückchen, komm endlich in die Wirklichkeit. Nachmittag etwas geschlafen, gebadet, wieder Kaffee, Manuskript korrigiert, etwas in den Luftschutzkeller gebracht. Dann zu Frau Hahm und Leistikow. Es regnete fürchterlich. Anna ist ins Kino. Schrieb an Frau Jünger, schickte dem Assistenten Wasse meine Danziger Gutachten. Sehnsucht nach seelischer Autarkie, armer, sensibler Bücherwurm. Um 7 im Regen zu Frau Hahm, sie war gastfreundlich und rührend, aber alt; Leistikow und seine Frau kommen, erzählten von Berlin, zeigte seine Seeräuber-Zeichnungen, herrlich, große Sympathie mit seiner zurückhaltenden Art und der Klugheit der Frau, wir aßen schön zu Abend, tranken 2 Flaschen Moselwein, worüber ich sehr glücklich war, um 10 kam noch ein Landgerichtsdirektor von Specht, der von Hamburg erzählte (die Großmutter betete), ich ging in der Dunkelheit nach Hause und todmüde zu Bett. Eigentlich bin ich physisch fertig, immer Ohrenklingen. Angst und Sorge um Anima. Nachts Bloy, Briefe an Veronica gelesen.
8/8 43. Als ich meine Gilles-Bilder in den Keller trug, stieß ich auf die Sätze von Villiers de L'Isle- Adam über das Rokoko: Überall fühlt man schon den Tod und den Untergang. (Das konnte er übrigens nur aus der Sterbe-Lage Frankreichs im 19. Jahrhundert heraus wissen! Weil es noch seine eigene Gegenwart war, herrliche Stelle übrigens: Man betrachte einmal diese Möbel; Tapisserien und jede einzeln, Ces peintures trop charmantes, aux tons crépusculaires, où des fleurs semblent si près de se faner, à peine écloses, où les féminins sourires paraissent empreints d'une grâce si mystérieusement triste - et dites si, sur toutes ces choses, ne semble pas être tombée, dès leurs mélancolique survenance, la fine poussière ensevelissante des siècles. Ici, tout est présage; tout annonce une fin, un declin, une inévitable disparition. Comment la noblesse d'un règne s'est-elle plu, durant un quart de siècle, à vivre en l'usage, l'aspect, sous le regard, enfin, de semblables objets (das fragte ich mich November 42, als ich im Ritz wohnte, und mir klar machte: daß die ganze französische Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts doch darin geblieben ist, ja das künstlich immer noch verlängert hat, mehr nicht!) Oui, ces objets appelaient leurs terribles correspondances, leurs continuations, leurs prolongements, pour ainsi dire, en une plus concrète