Donnerstag, 19. August 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Um 6 von Duschka geweckt, schnell angekleidet, mit Blötz, der sich rasierte, wir frühstückten und gingen um 7 aus dem Haus, hatten niemand, um die 3 schweren Koffer (darunter das Bett für Anima) zu schleppen. Blötz war rührend und fuhr mit zum Bahnhof Friedrichstraße, Duschka traf einen Franzosen, der uns die Koffer trug. Am Bahnhof Lehrter Straße überfüllter Zug, bekam aber noch einen guten Platz, neben einer netten Berlinerin, und konnte mein Gepäck unterbringen. Schämte mich dann natürlich vor Duschka. Sie brachte mir noch ein Glas Bier. Die Leute im Zug philosophierten über den Krieg. In hundert Jahren wird es noch mehr Krieg geben, weil es noch mehr Technik gibt; oder: dann hören die Kriege auf; die meisten erwidern: Krieg wird niemals aufhören, der normale Mensch ist noch nicht erfundenusw. Alles mit rührender, gutmütiger Selbstverständlichkeit. Morgens kam noch ein Brief von der Partei, ich solle zur Telefonbereitschaft. Scheußlich. Aber im Ganzen doch schwach , gleich das viehische Behagen im Zug, wieder eine Stunde Ruhe zu haben und daß es nicht so schlimm ist, wie ich fürchtete. Die Angst und Sorge um Duschka. Was nützt all dieses raffinierte Analysieren, herrlicher Tag, Sommertag, aber dein armes Mückchendasein. Du kannst ja nicht einmal auf eine Flasche Wein verzichten, und du sprichst vom Christentum. Beim Anblick des friedlichen Landes sofort wieder andere Stimmung. Vielleicht tun die Engländer, indem sie diese großen Städte vernichten, nun dasselbe, was die Alliierten vor 20 Jahren taten, als sie deutsche Rüstung zerschlugen und Deutschland zwangen, alles neu zu schaffen. Die Vernichtung dieser schauerlichen Produkte des 2. Reiches und des Wilhelminismus kann doch nur ein Vorteil sein, wenn wir überhaupt lebendig bleiben. Die blonde Frau, die nach Göttingen fuhr, ihr (älterer) Mann in Minsk, wie ungeniert amerikanisch sie erzählt (da haben die Polen auch allen Grund dazu[)]. In Oldenburg besah ich mir das Schloß von außen, gerührt vom deutschen Partikularismus. Um ½ 6 in Cloppenburg, sah Anima mit Fräulein Mia an der

    Bahn, trank bei Wesseling Kaffee und ging dann mit Anima zum Kloster, um die Kinder von Jup zu besuchen. Fühlte mich als Vater, als ohnmächtiger, entrechteter, geknechteter Vater eines schönen, harmlosen, freundlichen und klugen Kindes. Alles Unrecht, das geschehen ist, überfällt mich. Anima brachte mich noch zum Deutschen Haus und ging dann zum Essen. Ich wartete über eine Stunde auf das Essen, und ging wieder zu Wesseling, sehnsüchtig, wie ein Verliebter, um Anima zu sehen. Frau Wesseling war sehr tüchtig und erinnerte mich an Frau Kühling in Küntrop. Fräulein Mia spielte Mozart, wir schrieben der Mutter⁠ eine Karte. Ich ging mit Anima noch etwas an der Bahn spazieren (sah den Polen mit dem Abzeichen P),⁠ am Haus der Frau Dirks vorbei, um 1/4 10 ins Deutsche Haus zurück. Todmüde, zu Bett und gleich eingeschlafen. (Abends an die Fahrt durch Castro und Leon gedacht, war dort der Retter?) Um 12 Alarm, aufgestanden, an Berlin gedacht.

    Donnerstag, 19/8 43. Um 6 von Duschka geweckt, schnell angekleidet, mit Blötz, der sich rasierte, wir frühstückten und gingen um 7 aus dem Haus, hatten niemand, um die 3 schweren Koffer (darunter das Bett für Anima) zu schleppen. Blötz war rührend und fuhr mit zum Bahnhof Friedrichstraße …

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