Freitag, 10. September 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Um ½ 6 aufgestanden, trotz der Müdigkeit, schnelles Brot; mit Jup, Duschka, Claire über Hagen nach Köln gefahren, um die Ruinen zu sehen. Immer Jüngers: lieber Verbrecher als Bürger. Polizei für die Deutschen gegen die Theorie.⁠ Politisches Niveau unserer Politik. In Hagen am Bahnhof, während wir auf den Zug warteten, Unterhaltung über Benito Cereno, Absprung der Italiener, die Situations-Symbolik dieser Geschichte; Flüsterpropaganda im Abteil: Badoglio erschossen, der König geflohen, aber der Kampf ist noch nicht zu Ende. Babo muß ihm folgen, ins Rettungsboot nach Spanien. In Haspe in einen anderen Zug, bis Elberfeld, dann wieder in einen anderen Zug bis Vohwinkel, wieder umgestiegen, um 12 in Köln. Die grauenhaften Ruinen, der Dom unversehrt, die Minoritenkirche zerstört (Grab des Duns Scotus), also was bedeutet das?⁠ Sein Fall.⁠ Traurig durch Ruinen, mit Jup und Duschka, bei vorbei, Gürzenich (hier hast du eine Rede gehalten⁠), mit der Elektrischen nach Kalk, herrliches Mittagessen der guten Claire mit wunderbarem Blanc 35. Nachher etwas geschlafen, um 4 guter Kaffee, um 5 mit der Bergischen Bahn über Kalk, Overath, herrliches Land, in Brunohl stiegen wir dummerweise aus, statt in Dieringhausen, zu Fuß nach Dieringhausen zum Bahnhof, ein paar Kilometer über die lange Chaussee, das Schlangennest. Am Bahnhof hörten wir, daß wir heute nur bis Olpe kommen. Duschka fand den genius loci so schauerlich, daß sie auf keinen Fall bleiben wollte. In der katholischen Kirche einen Angelus gebetet, dann im Hotel Drilling gut zu Abend gegessen, Wurst und Kartoffelbällchen, überraschenderweise um 8.30 Ansprache Hitlers, nur eine Viertelstunde, über Mussolini, den größten Mann, den Italien seit dem Zusammenbruch der Antike hervorgebracht hat.⁠ Wir fuhren dann in der Nacht von Dieringhausen nach Olpe, stiegen aus, bekamen kein Hotelzimmer mehr, der Stationsvorsteher V. konnte uns nicht helfen, sprachen mit einem netten Bahnbeamten, der uns in den Wagen 2. Klasse hinein ließ, dort bis 12, dann in den Finnentroper Zug.

    . Auf der Reise nach Köln im sauerländischen Regen. Ihr Brief treibt mich an, Ihnen zu schreiben und Ihnen zu erzählen und die Güte Ihres Briefes wenigstens mit einem Bericht [zu] beantworten, der wirklich vom Volks-Boden [kommt]. Solche Heimatdiensterfahrungen sind wichtig, als Fronterfahrungen, Front = Dinge lehren sich bewußter, indem das Kriegsheer den Boden verbrennt. Die Existenz wird ungeheuer durchsichtig, klar und sauber, erscheint wie ein sauerländischer Septemberabend. In der Sekunde, als die Luftmine neben uns explodierte und uns aus dem Luftschutzkeller schleuderte, wurde mir der Vers Däublers in überkörperlicher Bestimmtheit klar: des geringsten Eichenfalles Wirkung grinst im Weltenraum. Fabre-Luce und Benito Cereno.

    Freitag, 10/9 43. Um ½ 6 aufgestanden, trotz der Müdigkeit, schnelles Brot; mit Jup, Duschka, Claire über Hagen nach Köln gefahren, um die Ruinen zu sehen. Immer Jüngers: lieber Verbrecher als Bürger. Polizei für die Deutschen gegen die Theorie Italiener. Politisches Niveau unserer Politik. …

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