Donnerstag, 9/9 43. Nur mit Unterbrechungen geschlafen, Üssie stand um 6 auf, sie fährt nach Hagen zum Kreisarzt. Die schreckliche,
deprimierende Angst, die wir armen Schmitts nicht loswerden. Oft sehr klar gesehen, neue Verlängerungen, nationaler Krieg der kroatischen Ustascha. Schönes Frühstück und mit Jup zum Haareschneiden bei Stumpf, glücklich, das erledigt zu haben, es ging ganz gut, auf den Friedhof, am Grab des Pfarrers Fischer, das ziemlich zerstört ist. Mit Jup über den Hang des Saley nach Hause, schönes Essen mit Schweinebraten. Auf die Erklärung der Ungarn gewartet. So verging der Tag. Nachmittags geschlafen, nach dem Kaffee mit Duschka und Claire in Plettenberg Schuhe gekauft, ein Hut war nicht zu bekommen, durch den Saley zurück. Etwas müde und erschöpft, aber die 14 Tage Plettenberg tun mir gut, Karte an Ortega. Etwas über Karl den Großen und Byzanz von Dölger gelesen. Wunderschöner Abend, aber Ohrenziehen. Jup will morgen nach Köln. Am Saley, beim Abstieg, wieder Alarm, aus den Tälern das Geheul der Sirenen. Abends nach dem Essen, während des Skatspielens mit dem Vater furchtbare Angst, klare Erkenntnis, gemeinsame Verbrechen binden (wie Jüngers Schuld: der Ruhm des deutschen Volkes ist es, daß es nicht zum Verbrecher als zum Bürger werden wollte), meine Sorge in Italien, Bildung einer Strolchregierung gegen einen legitimen König; auf dieser Ebene haben uns die Russen bereits überholt. Trank noch etwas im Musikzimmer Rum, immer neue Verlängerungen, immer tiefer hinein in diese Art von Gemeinschaft.
9/9. Lese beim Friseur in Plettenberg: Daß Kurt Eggers gefallen ist, der Freund von Rosskopf, der widerliche Kerl; an der Ostfront gefallen; was ist das? Eine Regung: Vielleicht ein Quatschkopf weniger, dann aber: Er hat also recht behalten. Aber so billig behält man nicht recht; aber recht behalten ist überhaupt wenig, ist billig, nichts.
Aus dem Buch der 1. Frau Ludendorffs (1930 etwa): 1. Die Abbildung mit dem Kronprinzen Rupprecht; Ludendorff tobt; Recht ist, was mir nützt; ich gehe meinen eigenen Weg. 2. Die alles Niederreißende; 3. Der Kaiserin Auguste werden im Exil die Kirchenlieder ihrer holsteinischen Heimat gesungen. 4. Die eigene Frau als Übermittler der Liebesbriefe ihrer Nebenbuhlerin , das ist deutsche Treue und Ehrlichkeit. 5. Erzberger: Würde mich ausbooten, wenn er mich nicht mehr bräuchte (rührend, dieser dumme Egoismus). An Jünger 7/9 43 (Plettenberg): Beide Briefe sind gut angekommen. Vielen Dank. Das ist die beste Lektüre in meiner Situation, in der man sich vor allem vor Aktivismus hüten muß. Der „Wille zu“ ist eine der dümmsten Tatsachen; daraus eine Philosophie zu machen, ein Zeichen der triumphierenden Bestie; und der „Wille gegen“ ist nicht besser als der „Wille zu“. (Hier hätte ich ihm schreiben müssen: in verbis simus faciles! Nihilismus! Cynismus; freibleibend.) Daß Bismarck ein Oberförster ist, wird mir täglich klarer. Sie müssen einmal Bruno Bauers „Rußland und das Germanentum“ lesen, aus dem Jahr 1853, dann werden Ihnen viele großen Zusammenhänge klar. Was Spengler in Preußentum und Sozialismus geschrieben hat, steht in einer viel tieferen und älteren Kontinuität, als Spengler, der etwas an Originalitätssucht litt, selber ahnte. Die Welt-Situation war Tocqueville 1835 schon völlig klar. Der Schluß des ersten Bandes der D.e.A. bleibt das großartigste Dokument des Untergangs des Abendlandes. Das Schicksal Benito Cerenos freut mich fast diebisch. Auch diese Literaten wie Fabre-Luce sind Keimträger, sogar vorzügliche, insektenhaft vollkommene Besorger notwendiger In-Kontakt-Setzungen. Ich kann Ihnen mein Vergnügen gar nicht beschreiben. Im übrigen: Prediger 10,1. Dann über meine Bücher, die geborgen sind. „Sie treiben uns lächelnd hinaus, die Götter.“