Mittwoch, 15. September 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Erst gegen Morgen eingeschlafen. Traum der Zerstörung: wohne mit Duschka und Anima in einem Mietshaus im 4. Stock hoch oben, überall rings Ruinen, unsere Wand bricht zusammen, der Zimmerboden hält nicht mehr. Nachher Sexual-Traum: Ein Zigeunerzirkus, man faßt mich an die Geschlechtsteile; um 6 ½ aufgestanden, ziemlich frisch durch den Kaffee, mit Duschka, Üssie, Jup und Erna Geschke zur Bahn, herrlicher Lauf auf dunkelgrünen Bergen und hellgrünen Wiesen. Beschwor die Geister dieses Tales und dieser Berge und Wälder. Erzählte auf dem Weg zur Bahn Jup: wie trübe Illusionen usw.; bis Hagen ganz bequem, in Hagen umgestiegen, nervös, aber einen guten Platz gefunden, langweilig, Depressionen der Reise, grauenhafte Situation, oft ganz deprimiert, die dummen Gesichter, das schöne Land an der Weser, alles schneidet ins Herz, die Nachricht aus Salerno.⁠ Bis Braunschweig ging es gut, aber mein eigentlicher Akt beginnt erst morgen. Neurotische Schuldgefühle gegenüber Duschka. Angelus gebetet, aber hilflos, nicht wie in Plettenberg. Ruinen, in Minden schon; die 30 vergessenen Engländer. Zwischen Braunschweig und Magdeburg wurde ein Junge, der 1. Klasse nachgelöst hatte und mit seiner Mutter fuhr, ohne Paß bei der Paßkontrolle gestellt. Er war nicht Soldat und nicht Arbeiter; sah aus wie ein Rumäne; die Mutter sagt ihm eine Magdeburger die Nacht durch. Sofort mein anarchistischer Impuls. Alles bricht auf. Immer wieder über diesen Fall nachgedacht. Aber der junge Mann war bei der Geheimen Staatspolizei, und so war mein Affekt wieder einmal lächerlich gewesen. Im Abteil eine weinende Frau mit auffallender Ähnlichkeit an Frau Jünger, auch in der Sprache; trotzdem aß ich meine Brötchen und mein Ei. (Mischung von Frau Hahm und Frau Jünger, die Verachtung q.d.p.). In Berlin meine Koffer geschleppt, schwitzend und traurig, der Gepäckträger verlangte Zigaretten, die ich nicht hatte. In der U-Bahn bis Breitenbachplatz. Dann die Brentanostraße hinauf, die schweren Koffer geschleppt. Um 2 war ich da, Corrie begrüßte mich sehr nett, ich kleidete mich um, Popitz kam um ½ 8, wir aßen zu Abend, nachher tranken wir Tiroler Landwein. Wunderschön, aber Popitz war müde, ich auch. Niemand konnte helfen. Nun warte ich auf morgen. Hörte in Brandenburg, daß die Firma Opel 4-5 km zum Bahnhof entfernt war. Um 11 kam Fliegeralarm, jetzt hast du es, Dummkopf. Alles wurde in den Luftschutzkeller gepackt, dort traf ich auch den Oberbaurat Hodler, der bei Popitz wohnt. Im Luftschutzkeller tranken wir weiter unseren Rotwein und unterhielten uns, über die „Hohlheit“ der heutigen Baukunst. Sehr nett. Popitz war rührend, alle wollen helfen, aber keiner kann es. Um ½ 2 war Entwarnung und wir gingen zu Bett.

    Mittwoch 15/9 43. Erst gegen Morgen eingeschlafen. Traum der Zerstörung: wohne mit Duschka und Anima in einem Mietshaus im 4. Stock hoch oben, überall rings Ruinen, unsere Wand bricht zusammen, der Zimmerboden hält nicht mehr. Nachher Sexual -Traum: Ein Zigeunerzirkus, man faßt mich an die Geschlechtsteile; um 6 ½ …

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