Freitag 1/10 43. Etwas Kopfschmerzen, nachts eine Stunde Varè, Der lachende Diplomat gelesen, schönes Frühstück, Veronica erzählte von der sonderbaren Begegnung in Passau mit einer Russin, die bei Duschkas Geburtstag dabei war. Niermann kam, langweilig, aber irgendwie rührend. Zum Mittagessen Reibekuchen, Schranz fuhr mich zum Bahnhof, bekam keine Leberwurst mit. In der Bahn bis Bestwig, müde am Bahnhof auf den Zug nach Wennemen gewartet, passiv, willenlos, lebensunfähig.
Dieser Welt miteingegoren,
ging dieHabe mir verloren.
In Bestwig eine Stunde gewartet, die Beklemmung, in dem Unflat der Großstadt zu sein, diese ausgezogenen und wieder eingezogenen Massen, überfüllter Zug nach Wennemen, dort wieder eine Stunde gewartet, dann sehr erholt mit der Bahn nach Finnentrop, durchs herrliche Sauerland, steil und gebirgig, Wenholthausen, Eslohe, Kückelheim, in Konrad Weiss „Löwin“ gelesen, sehr ergriffen und doch ist es nur Wortgesumse. Immer nach Bestätigungen gesucht für mich, meinen „Mangel“. Ekel vor meinen Besitzängsten und Wünschen. In Finnentrop lange gewartet, wie oft schon in meinem Leben; in Plettenberg, etwas geil. Um 7 Uhr dort, schönes Abendessen mit Rotwein, hinterher großartigen Schnaps, den Angelina geschickt hatte. Währenddessen begann der Luftangriff auf Hagen, um 10 Uhr sahen wir von unserem Fenster, wie Feuer vom Himmel fiel, ungeheuerlich roter Schein, schauerliche Lichtblitze, Fräulein Schneider schrie und weinte, bekam einen Schnaps, ich trank noch die Flasche leer und ging zu Bett, schlug den Propheten Obadja auf.
zum Kreuz an der Hohen Molmert. Es sieht nach Nordwesten. Große Beruhigung (Angst vor Ritterbusch, Siebert, Höhn und diesen Machern); vom Pult sind die Volksschullehrer eingezogen, zum Luft-Hilfsdienst in Hagen. Züge von Verwundeten kommen. Sonderbare Kontinuität, daß ich wieder an diesem Kreuz stehe, wie vor über 10 Jahren, als ich es reinschnitt. Es ist jetzt dickrindig und harzig wie eine Vulva. Ich weiß nicht, was ich tue, wenn ich mich berühre. Die Luft ist still, wie in starrer Erwartung, der Wald ist verwahrlost, dabei so gespannt abwartend, als hielte der Wald den Atem an; erstarrt von dieser menschlichen Bosheit und Gemeinheit. Ekelhafte schwärzlich-nasse Pilze schossen auf dem trockenen Boden auf. Müde zurück, ergriffen von dem sauerländischen Wald und dem schönen Lennetal. Zu Hause war Emma Achterrath. Ich freute mich sehr darüber, sie war sympathisch und fein, erzählte von ihren Söhnen, der eine hat eine Frau aus Ragusa, der andere ist als Flieger in Sizilien gefallen. Wir tranken schönen Kaffee, dann noch eine Flasche Rotwein, begleitete sie um 7 zu ihrer Wohnung, wie als Knabe von 18 Jahren. Unheimliche Wiederholung. Nach Hause zurück, Wein getrunken (morgen früh reist sie über Wennemen nach Berlin, vergesse, ihr Land und Meer zu geben), abends noch Skat gespielt, mit dem Vater, herumpolitisiert, um 11 zu Bett.