Montag, 4. Oktober 1943

Zwei Einträge an diesem Tag

  • 1. Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Bis 10 geschlafen (nach der neuen Zeit war es aber erst 9),⁠ Traum: Ein Fräulein zeigt mir ein wildrotes französisches Tuch, eine Karte von Orleans, das kostete nur 1 ½ Pfennig, schöne blaue Augen, erotische Nägel, dann plötzlich Schluß. Stand eilig auf und frühstückte eilig, weil ich nach Affeln zum Bürgermeister soll. Immer dieselbe dumme, angstvolle Eile, wegen jeder Kleinigkeit. Mit Üssie über den Graben, herrlicher Morgen, die Nebelsenke. Oben klare, kalte Luft, die friedliche Affelner Gegend, katholisch, ohne Industrie, herrlich blaue Berge im Nebel. Hingerissen von dieser Schönheit und eine Stunde lang sehr glücklich. In Affeln erst bei Lüwers. In der Kirche; der Altar steht noch da; die rote Kommunionsdecke (Orleans[)], dann beim Bürgermeister, herumgesucht und ihn schließlich, als er beim Essen war, zu Hause getroffen, gewartet, bis er fertig war, dann hielt er uns bis 2 Uhr einen Vortrag über seine Kriegserlebnisse, immer derselbe Typus und derselbe Stil, mit Menschen umzugehen, Zöberlein-Geschichte, und die Juden sind an allem schuld. Aber er versprach uns einen Platz in der Schützenhalle.⁠ Traurig nach Hause zurück, Bedürfnis, Schnaps zu trinken. Über den Weg nach Altenaffeln durch Blemke zurück. Todmüde, zu Hause kochte uns Duschka noch eine Suppe und schönen Apfelkuchen. Schlief dann 2 Stunden, todmüde, am Rücken wie gelähmt. Dazu das scheußliche Geklimper der Schüler von Ännchen, eine wahre Musikhölle, in der Musikszene von Bosch fehlt das Klavier. Um 7 wieder aufgestanden, sehr erholt, aber was will ich tun? Angriff auf Kassel, vielleicht auch Berlin? In Erwartung der Dinge; um 7 ist es schon dunkel. Jetzt kommt der Winter, Verhungern in Berlin, im Hotel,

    ohne Kleider. Das ist dann Gottvertrauen, armer Mann von Plettenberg. Abends den sauren Moselwein von Medem getrunken, mit dem Vater Karten gespielt, noch etwas Radio gehört (die guten Schweizer),⁠ um 11 zu Bett: Wieder hörte man die englischen Flugzeuge.

    in Affeln: Der schöne Altar steht noch und ist nicht eingepackt; sah die bordeauxrote Decke, von der ich nachts geträumt hatte (Orléans) an der Kommunionbank der Pfarrkirche. Ist das nicht eine Einladung, betete den Engel des Herrn. Wie viele geheimnisvolle Fäden halten und leiten mich; hoffentlich habe ich sie nicht durch das schauerliche Gespräch mit diesem Zöberlein⁠ zerstört.

    Montag 4/10 43. Bis 10 geschlafen (nach der neuen Zeit war es aber erst 9), Traum: Ein Fräulein zeigt mir ein wildrotes französisches Tuch, eine Karte von Orleans, das kostete nur 1 ½ Pfennig, schöne blaue Augen, erotische Nägel, dann plötzlich Schluß. Stand eilig auf und frühstückte eilig, …

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  • 2. Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Auf dem Weg nach Affeln: Die Enthebung, die mir widerfuhr, war ein Zwang zum Integrum; eine wahre Integrierung; woher die scheußliche, falsche Bedeutung von Integrieren, im Sinne von Spener und Smend?⁠ Nicht in etwas, sondern aus etwas heraus in mich selbst; ab integro [nascitur] ordo⁠

    Deutliche Erkenntnis: Deutschland ist gerettet worden durch Kirchenspaltung, dadurch, daß Katholiken und Protestanten sich separierten, und sich nicht entschieden, nicht eine Einheit bildeten, im Sinne der damaligen staatlichen Gleichschaltung; Freiheit gegen Einheit. Der Einheitswahn ist heute eine Folge der Selbstvernichtung; laß fahren daher,⁠ was dir nicht angehört;⁠ es fehlt der Mut zum Schisma, der Mut zur Separation, omnis ordo est separatio, Schmutz dieser Gleichschalter und Einstreicher, der mich und einen Präsidenten , oder sogar in dieselbe Einheit sperrt, uns beide in gleicher Weise benutzen und betrügen kann. Totalität des Todes und des Nichts; Nichts der Totalität und des Todes.

    Das alte Europa ist aus lauter Separationen entstanden; das ist seine Größe und sein Geheimnis; das Geheimnis Europas; selbst die Feindschaft zwischen Rumänen und Ungarn, auch zwischen Kroaten und Serben.

    4/10 43. Auf dem Weg nach Affeln: Die Enthebung, die mir widerfuhr, war ein Zwang zum Integrum; eine wahre Integrierung; woher die scheußliche, falsche Bedeutung von Integrieren, im Sinne von Spener und Smend? Nicht in etwas, sondern aus etwas heraus in mich selbst; ab integro nascitur ordo …

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