Samstag, 9. Oktober 1943

Zwei Einträge an diesem Tag

  • 1. Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Bis 10 im Bett, gut ausgeruht, schrieb 4 Briefe (an Alfons Adams wegen Budapest,⁠ an Jünger, ), wollte um 11 Radio hören, aber es war kaputt, verwirrt, wollte es Fräulein Geschke in ein anderes Zimmer tun. Brachte die Briefe zum Kasten und schlief nach dem Essen im Zimmer von Ännchen, während Josef Schröder die Möbel umräumte mit Hermann Krah.

    Trank um 5 mit Josef Schröder und Krah eine Flasche Rotwein, aßen Butterbrote dazu (Krach erzählte, daß er in der Eisenbahn 1932 während des großen Processes in Leipzig meinen Namen gehört habe, ein Schmitt aus Eiringhausen, hatten sich 2 Herren erzählt).⁠ Um ½ 7 zur Bahn, Jup abgeholt auf dem Bahnsteig. Guter Junge, wir aßen herrlich zu Abend, Duschka hatte gekocht, tranken viel Wein (Trittenheimer, Forster , Rotwein) bis 1 Uhr, viel gelacht, der nihilistische Jup über seinen Bruder als vatikanischen Diplomaten, im Grunde traurig, verlorener Sohn von Bosch. Morgen um 7 muß er schon wieder abreisen (am 16. soll Berlin drankommen).

    Samstag 9/10 43. Bis 10 im Bett, gut ausgeruht, schrieb 4 Briefe (an Alfons Adams wegen Budapest, an Jünger,), wollte um 11 Radio hören, aber es war kaputt, verwirrt, wollte es Fräulein Geschke in ein anderes Zimmer tun. Brachte die Briefe zum Kasten und schlief nach …

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  • 2. Tagebucheintrag, Buch 19618

    Gewiß, Comte, es ist Herabwürdigung, mit Machthabern zu tun zu haben. Machthaber unter sich, sie bezeichnen sich heute als des Fortschritts. Reich sind wir auch; bedeutender Fortschritt auf dem Weg zum Bewußtsein der Freiheit. Schmutzpropaganda als Werkzeug der obersten deutschen Idee. (Auf dem Weg zur Lennebrücke hinunter);

    Gespräch mit den guten Leuten (Karl und Josef Schröder) über den Leipziger Process;⁠ gerührt, also das ist Ruhm, und ein Name: einer sagte im Eisenbahnzug: Ein Mann aus Eiringhausen führt für das Reich den großen Prozeß! Inzwischen bin ich also in der Lage von Papen, Seldte usw. Aber ich habe etwas voraus: Der Leviathan hat mich wieder ausgespien; das war die Bedeutung des Schmutzartikels im Schwarzen Korps; Zeitungsleitung war Schmutzleitung. Ich bin also ausgespien; das war meine Rettung.

    Zum Totlachen! Was waren der Götter Sieben: Riesen, Zwerge, Prinzen? Die vollkommenen Sieben. 8 die wollten, da waren's nur noch sieben, Hauptsache, daß es 7 waren, es waren 7 Götter; die Umstellung genügt für den Mythos; 7 Götter brauchen keinen Mythos, Götter 7.

    Abends schönes Gespräch mit dem klugen Jup, er ist für Rußland, gegen die Reichen, hält Schranz für einen Schlauberger, will nichts als seine Ruhe, durchschaut jeden Betrug, erklärt alles für Betrug; die Dichter schreiben ihre Bildnisse auf, mit 2 Flaschen Wein und einigen Luminal-Tabletten kann ich das auch; in den Ruinen von Karthago, grauenhafter Zustand. Am anderen Morgen kleine Übung am Braukeller auf dem Bahnhof von Finnentrop, Don Quichotte kämpft mit dem Kopf der kleinen Bürokratie; bis Attendorn mit ihm gereist.

    Langenbach sagte mir: Im Sauerland sagt man nasse Wiese saure Wiese; also naß = sauer und sauer = naß; Hygrometer des Nassauers: (ähnlich wie Land = Wurm), die Rückkehr in den Mutterschoß? Im Mutterschoß ist nichts mehr los!

    . Nachts öfters wach und die Kerze angezündet, um zu wissen, wie viel Uhr es ist. Um ½ 7 aufgestanden, mit Ekel an die Sache Krupp Familienunternehmen gedacht.⁠ Der verkrampfte Atavismus einer solchen Situation, ging zum Bahnhof Steglitz, in die Kante, fuhr mit der S-bahn nach Schlachtensee, Punkt 8 im Haus, die Frau Bartels war nett, aber die Packer kamen nicht. Saß also im Klappsessel (alles bessere Möbel als unsere), lächerliche Situation, armes Karlchen, Bruder Kellermeister, fürchte, daß Duschka noch kein Gefühl der wirklichen Situation hat. Warum lasse ich mich auf solche Dinge überhaupt ein? Hörte, wie nebenan telefoniert wurde, weil keine Kohlen mehr da sind und die Heizung einfriert. Wunderbarer Zustand, das hübsche Frieren: Aber Frau Bartels brachte mir einen elektrischen Ofen; alles sonderbar und traumhaft; ich kann nicht mehr tun, als meine Bereitwilligkeit zeigen. So verging eine Stunde. Um ½ 10 kamen Kohlen, ich gab dem Hausmeister 10 Mark für die Träger und wartete weiter. Der Prokurist von meiner Speditionsfirma sagte mir, sie seien unterwegs, auch Montag werde ich den Möbelwagen schicken. Diese schiefe, halbe Situation, Nachgeben gegen Popitz und Duschka, gegen mein eigenes, nihilistisches Flucht=Bedürfnis. Ich bezahlte die Kohlen, 10 Mark, 12 Mark, Kurz nach 10 kamen die Packer, bekamen Kaffee, fingen an. Ich war sofort erleichtert und hatte wieder kleine Euphorie: lächerlich. Wärmte meine Füße, Frau Bartels war sehr nett, sah, daß ich alles falsch gemacht habe, weil ich den Weg zum Eßzimmer versperrte, bezahlte die Rechnungen, um 12 ging ich nach Hause, fuhr nach Lichterfelde West, holte mir 1000 Mark, dann in einer kleinen Bäckerei Brötchen und Kaffee, um ¼ 1 schon wieder zu Hause. Ruhte etwas aus im Bett, aß dann mit Popitz zu Mittag, ging wieder zu Bett und schlief bis 5 Uhr, mit entsetzlichen Depressionen, fast erdrückt wach geworden, meine Lage erkannt, hätte ich mich doch nicht auf das lächerliche Mittransportieren der Möbel eingelassen, hörte Corrie sagen, ein unglücklicher Mensch erscheint anderen meistens komisch; erschrak vor Popitz, alles dasselbe, Hodler zog sich auch zurück, weil Montag eine Sitzung mit Träger ist, ich muß den Bürgermeister noch verständigen, überflutet von Traurigkeit, Corrie interessiert sich nur noch für das Historische Seminar und empfindet mich als Störung; da bin ich in eine schöne Grube gefallen. Stand im Eßzimmer des Hauses und wußte nicht, wohin. Wollte mit Frau Hahm einkaufen, aber sie war nicht da. Alle meine Wunden bluten. Dachte daran, daß der arme Paul Adams seinem Bruder geschrieben hat, er wolle jetzt sterben. Ging in mein Zimmer, weil ich nicht wußte, wohin, und war bald geströstet; vielleicht soll ich hier sterben, plötzlich ungeheuerliche Darstellung zu all diesen Lächerlichkeiten und Menschen. Hatte den Wunsch, mit Duschka zu telefonieren, wagte es aber nicht, aus Empfindlichkeit gegen Popitz und seine Art, ich empfinde alle diese Wohltaten als Formen der Versklavung und Unterwerfung; damit willst du dich wohl nur der Dreieinigkeit entziehen? Habe gestern Eschweiler sehr deutlich gesehen, Verstimmung im , vielleicht komme ich durch den Tod zu ihm. Entdeckte einen Aufsatz von ihm über Barock-Philosophie, Zuflucht, in den Büchern von Popitz! Vielleicht ist das ein Gruß. Das fortwährende Ohrensausen ist eine Mahnung an den Tod. Ich war doch während des 1. Weltkriegs in einer schlimmen Lage, mit einer kränklichen Frau, ohne Grund, in der Kaserne. So tröstete ich mich in der Ruhe des Zimmers. Um 8 aßen wir zu Abend, ich war äußerlich ruhig und plauderte mit, Corrie war müde und aufgelöst, Popitz machte den Tisch, nachher trank ich mit ihm eine Flasche Achkarren.

    Gewiß, Comte, es ist Herabwürdigung, mit Machthabern zu tun zu haben. Machthaber unter sich, sie bezeichnen sich heute als des Fortschritts. Reich sind wir auch; bedeutender Fortschritt auf dem Weg zum Bewußtsein der Freiheit. Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtseyn der Freiheit. Schmutzpropaganda als Werkzeug der obersten deutschen …

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