Dies ist doch gar nicht meine Heimat; es sei ein Experimentierfeld, Einübung im Landschaftssehen, in der Ortung, bequeme Flucht in die alten Gehäuse früherer Neurosen, Entproblematisierung nach hinten, ins Frei-Problematische, künstliche Gewohnheit, was suche ich hier: die Kraft meiner Jugend, die mir den Absprung aus dieser Enge ermöglicht, nicht aber diese Enge selbst; der Ursprung als neuer Absprung.
Beglückt von der Anthologie, die mir Epting schickte. 23/10 43. Liegt es nur an meiner momentanen großen Empfänglichkeit für solche Eindrücke, daß ich von der Anthologie de la Poésie allemande (die Sie mir freundlicherweise an meine Berliner Adresse zusenden ließen) so beglückt und hingerissen bin? Ich habe einen ganzen Tag darin gelesen, obwohl das Lesen von Anthologien sonst bekanntlich sehr schnell ermüdet. Aber hier ist die Synoptik zweier Sprachen und Geister mit ihrer wechselnden und wechselnden Erhellung so unendlich mannigfaltig, durch verschiedene Jahrhunderte hindurch immer neu, bei den verschiedenen Autoren so unendlich farbenreich, daß man nicht aufhören kann, das ununterbrechend wechselnde Panorama zu bestaunen und immer neue linguistische und inter- und metalinguistische Erfahrungen zu registrieren. Das ist wunderschön und wirklich eine reichere Fundgrube, mehr als eine umfangreiche sprachwissenschaftliche Bibliothek. Ich hatte bisher in meinem ganzen Leben überhaupt keine französischen Übersetzungen deutscher Gedichte recht ernst genommen, noch weniger aufnehmen können und jetzt überrascht mich eine solche Fülle. Aufregend ist die Frage, ob das umgekehrte Experiment in gleicher Weise möglich wäre? Ich glaube es nicht. Aber dann ergibt sich die weitere Frage: Liegt darin nicht eine Überlegenheit der französischen Sprache als der überlegeneren, weil sachlicheren und bescheideneren, Mittlerin im Bereich europäischer Geistigkeit? Stellen wir wenigstens diese Frage einmal unbefangen, und ohne jede politische Angst, ohne deutschen Neid und ohne französischen Geiz , in aller Freiheit des europäischen Geistes, der schließlich doch stärker sein [wird] als die elende Furcht der Kleinen, schlecht abzuschneiden. Es hat keinen Zweck, einzelne Gedichte herzunehmen und zu loben, denn das Vergnügen wechselt ununterbrochen. Die Anpassungen Thérives an Gedichte von Morgenstern nenne ich nur, weil sie, als surrealistische ( Transpositionen besonders frappieren. Ebenso wäre es töricht, Gedichte zu nennen, die man vermißt. Ich vermisse gar nichts, und wenn ich das eine oder andere Gedicht suchte und nicht fand, so hatte ich dabei nur den Wunsch, sie auch in den fruchtbaren Synoptizismus einbezogen zu sehen. Von Johann Christian Günther würde das Gedicht Endlich (in der ersten Fassung), Trost-Aria, ein fabelhaftes Beispiel dafür, daß innigste Poesie und barockste Rhetorik sich im Deutschen nicht ausschließen, was sie im Französischen wahrscheinlich tun, und das Gedicht Der Nachtwandler, von Theodor Däubler (im letzten Teil des Nordlicht, und im Sternenkind abgedruckt) kenne ich, weil ich seinen unerhörten Expressionismus ( 1910 veröffentlicht!) blitzvoll erlebte, als ich, in der Nacht vom 23. zum 24. August aus den Trümmern meiner Dahlemer Wohnung herauskroch, die durch eine Luftmine weggeschleudert wurde. Diese Verse im Kampfzustand, mich aus den Trümmern herausarbeitete. An Konrad Weiß, den jetzt ein spanischer Freund übersetzt, dachte ich auch schon, damit ein für die Spanier wichtiger Name nicht draußen bleibt, aber das sind nur die Wünsche eines Liebhabers. Auch sie gehören zu der Freude an einer solchen Leistung, im übrigen steht in Vorrede Bitte auch Herrn GR. meine besten Wünsche . Indem ich mich mit den besten Empfehlungen an Sie und Ihre sehr verehrte Gattin Ich sage Ihnen meine herzlichsten Wünsche zu dieser bewundernswerten Antologie und . Ihr stets Ihnen aufrichtig ergebener Carl Schmitt