Montag, 3/1 44. Bis ¼ 11 im Bett, Kaffee gemacht. Traum: Ich sehe Bruno Bauer in der Universität Berlin, im Bibliotheksaal, man zeigt uns eine neue Erfindung eines Bibliothekars aus Marburg, lauter Glaskästen, über die wir nicht lachen sollen, vermenge mich selbst im Traum mit Bruno Bauer, proletarierhaft, intellektueller, isolierter, keiner echten Kritik fähig, weil es keine echten Kritiker mehr gibt, zu klug, um sich betrügen zu lassen, zu schwach, um Widerstand zu leisten, der einsame Kritiker. Im Grunde eine sehr armselige Situation, ein Rest von Steinlein ermöglicht es mir, Frau und Kind anständig zu ernähren. Wie lange noch in einem bankrotten Land? Nach dem schönen Frühstück etwas am Schreibtisch im refugium notiert. Will an Epting schreiben; tat es, sehr nett (über Bloy), und an Mutius, der mir nett geschrieben hat (er ist inzwischen persönlicher Adjunkt von Illgner im Wirtschaftsministerium geworden, interessanter Junge). Nach dem Mittagessen kam Emil Langenbach um 2 Uhr, rührender Waldhase, wir machten einen Spaziergang im Regen, über den Graben nach Affeln, bis über die Höhe hinweg, er erzählte von seinem Abenteuer mit einem vermeintlichen Spion, der [das] Walzwerk suchte, wir gingen auf dem Rückweg am Grab von Otto Kaiser vorbei, sprachen über Feuerbestattung als Nihilismus, er ist klug und bescheiden; zu Hause tranken wir eine Tasse Tee, ich war müde und deprimiert, er will uns zu Kirchhoff in Werdohl führen, der moderne Gemälde hat; Duschka setzte sich zu uns und war sehr nett. Um 5 ging er, hatte Lust, Wein zu trinken, er lehnte aber ab. Er mochte sein großes Geschenk nicht entwerten. Schenkte ihm die französische Anthologie. Dann las ich Bücher, die er mitgebracht hat (Brockhaus „Eigene Wege“, wieder eine Begegnung mit dem sauerländischen Pietismus, rührende Geschichte[)], erkältete mich dabei im Musikzimmer, nachher noch in dem lustigen, kommunistischfrechen „Führer“ durchs Sauerland; im rembrandtdeutschen „Rembrandt als Erzieher“, der doch eine große Enttäuschung ist; Jugendstil, Gerede, Zeitkritik, Gezeter, ästhetische Begriffe zu mythischen aufgeplustert („Blut“), ein Moeller van den Bruck, arme Leute, geborene Opfer der frechen Gangster, die ihnen die Worte einfach stehlen. Beim Abendessen wurden meine Depressionen unerträglich, morgen also wieder ins Krematorium nach Berlin, spielte noch mit dem Vater Skat, Üssie stiftete ein Glas weißen Wermut, so ging der Abend hin, müde und völlig erledigt zu Bett, Angst und Wut wegen des einquartierten Lümmels, der mit seinen Beziehungen zu Göbbels droht. Duschka war lieb und überlegen, im Bett wurde mir besser, aber der Rembrandtdeutsche deprimiert mich noch mehr. Wie konnte man nur solche Bücher schreiben. Wie gut, daß ich als Knabe (1906 erschienen) einfach davon nichts bemerkte! Dann noch etwas die Bibel, Jeremias und Jesaja; die Städte werden zerstört werden.
Ein Stein in ihren Haufen gefallen ist; anderen aber wird die Erschütterung zu einer Erweckung und Erneuerung werden.