Samstag, 28. August 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Gut geschlafen (weil wohl kein Wein am Abend vorher), herrliches Frühstück, Augustes Geburtstag,⁠ sie sitzt einsam und verlassen in der Wohnung herum, die beiden hysterischen Tanten behandeln sie schlecht. Nach dem Frühstück herrlicher Spaziergang auf den Saley, tief glücklich, Wiederholung, noch einmal das Alte, scheinbar bestätigt, in Wirklichkeit ist die Welt ganz anders, ahnend wie die sterbende Kaiserin Auguste noch einmal die holsteinischen Kirchenlieder ihrer Jugend hörte.⁠ Auf der Höhe des Saley wunderschön das Angelus. Zu Hause hatte Duschka an Frau Jünger geschrieben,⁠ wegen der Kisten; nach Cloppenburg usw. Ich kam durch den Spaziergang wieder in ein physisches Gleichgewicht. Mittags wieder ein Glas Bier am Bahnhof bei Gerke, das sogar gut schmeckte. Dann eine Stunde geschlafen und Kaffee zu Ehren von Augustes Namenstag. Die Entfernung, in die alles dadurch gerät, daß es in den Rahmen meines, von Plettenberg her gelebten Lebens hineingereicht hat. Es ist wie vor 50 Jahren, dieselbe Landschaft, dieselbe Kategorie, das Spinnengewebe, selbstgesponnen, aus Erinnerungen und Gewohnheiten, das mich jetzt auffängt und vor dem Absturz bewahrt. Traum: General , Problem Partei und Staat, sage ihm, wie . Wir tranken schönen Kaffee, Kuchen, aber mit Ännchen ist es nichts mehr. Nachmittags Duschka Skatspielen beigebracht, aber das ist doch eine traurige Beschäftigung, Skat zu spielen. Warteten auf Claire, die aber nicht kam. Zum Essen eine Flasche Wein, sehr schlecht, dann etwas gespielt, nebenan spielte Fräulein Geschke, unverschämt, schließlich ging ich zu ihr herüber und sagte ihr, daß es taktlos sei, in einem Haus Wand an Wand zu spielen, sie machte einen dummen Eindruck, habe das nicht gewußt usw. Ekelhaft. Duschka war mit Ännchen zum Spediteur Scharr und kam zurück. Ännchen war wütend und ging mit dem Hund in der Dunkelheit hinaus, kam auch bis 11 ½ nicht zurück. Dann brachte ich noch mit Üssie eine Karte für Duschka an den Bahnhof zum Kasten. Traurig und todmüde zurück, Ännchen war wieder da, todmüde um ½ 1 zu Bett. Welches Elend.

    Am Saley, : Über mich selbst nachgedacht, eine freischwebende Intelligenz, fand das Wort gut, dann wieder unrichtig. Bruno Bauer war eine freischwebende Intelligenz (Der Einzige und sein Eigentum ist doch ein „genialer“ Titel). Welche Garantien der Objektivität enthält die Existenz eines solchen freien Schriftstellers? Ist auch hier die Zeit der Freiheit vorbei[?] Damals war es doch genau so viel, wie in der Wirtschaft und im Handel, also Wirklichkeit. Die existenzielle Wirklichkeit eines bohemien enthielt damals Garantien. Warum heute nicht mehr? Freischwebende Intelligenz ist immer nur Selbst-Bewußtsein; isolierter Einziger; Selbstbewußtsein, Selbstbeobachtung, Selbstquälerei, Selbsthaß; dann hat sie wirklich Sinn und das Denken hat Ergebnis. In diesem Sinn ist Bauer gesünder und reicher als die freischwebende jüdische Intelligenz von 1930, über deren Freiheit man nur lachen kann, denn sie waren Marxisten oder Bourgeois. Vereinzelte wovon? Auch vereinzelt ist noch nichts Absolutes.

    Lektüre des Buches der 1. Frau Ludendorffs; das damalige München, die Quintessenz des 2. Reiches (warum gerade auf bayerischem Boden?), Destillationsprozeß, aus dem der Bruder Straubinger als Sinn der Sache und alles übertreffender Sieger siegreich hervorgehen mußte, weil er das Produkt, die Inkarnation der inneren Nichtigkeit war. Dadaismus: Buddha-Katholizismus; Liberal-Bolschewismus, konservo-Bolschewismus; Wortmontagen brummen mitten herum. Immer von neuem überrascht und ergriffen von der Größe des Satzes Senecas über Herakles: Nachdem er alle Monster besiegt hat, bleibt er selbst als einziges Monstrum übrig. Ergriffen. Das Gegenbild zu Christus; nur normativ zu lösen: Der Dulder, der alles duldet, bleibt als einziger Sieger übrig; also nur die christliche Lösung.

    Positivismus und Schmerzlosigkeit, Abdrängung des Schmerzes an den Rand,⁠ in der Mitte eine von den Menschen erschaffene Oase, eine Insel des „Positiven“; verbitterter Kampf um das Schaffen dieser Insel, schmerzhafter Kampf um die Schmerzlosigkeit, innerlicher Widerspruch, (Gott, will mein Gefängnis enden).⁠

    Die kaltschnäutzige „Echtheit“ dieser Kunsthistoriker; mit welchem Recht erheben sie sich über den Kitsch der frommen Leute? Was ist denn ‚echt‘ an einem Rembrandt? Seine Unersetzlichkeit? Echtheitsbegriff des Historismus, aus welcher eigenen Existenz heraus urteilt ein solcher Historiker?

    Herodes ist der Feind; der Joseph der Verstand,
    Dem macht Gott die Gefahr im Traum – im Geist – bekannt.
    Die Welt ist Bethlehem, Aegypten Einsamkeit:
    Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest Du vor Leid.

    (Schlug ich am 26/8, nach meiner Flucht aus Berlin, zufällig in Plettenberg auf. Von dem geheimnisvollen, dem numinosen Summen dieser Verse beruhigt; während andere mich ganz kalt lassen, besonders Horaz z.B).

    Des geringsten Eichenfalles,⁠ oder Eigenfalles, oder Blätterfalles? Eichenfalles am unerklärlichsten; unversuchtem Rundungstraum.⁠

    Samstag, 28/8 43. Gut geschlafen (weil wohl kein Wein am Abend vorher), herrliches Frühstück, Augustes Geburtstag, sie sitzt einsam und verlassen in der Wohnung herum, die beiden hysterischen Tanten behandeln sie schlecht. Nach dem Frühstück herrlicher Spaziergang auf den Saley, tief glücklich, Wiederholung, noch einmal das Alte, scheinbar …

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