Mittwoch, 8/9 43. Also 14 Tage bereits hier. Nachts Traum von Frau von Schnitzler, großes Behagen; um 9 auf und schönes Frühstück, schönen Brief an Mutius geschrieben; auf Post gewartet; herrliches Septemberwetter, Nebel. Da die Post nicht kam, mit Jup Spaziergang durch die Blemke über den Berg und an der Höhe des Grabens zurück, viel Post, Paul Adams aus München, Gremmels usw. Aber nichts Wichtiges. Geschlafen und dann nach dem Kaffee Spaziergang mit Jup, Duschka, Claire und Üssie in der Kersmecke. Es war ein schweres Gewitter, Schmandt war mit seiner Frau zum Kaffee da – er meinte, der Krieg wäre bald zu Ende, Jup lief vom Spaziergang nach Hause, wir gingen noch über den Weg Böddinghausen-Fallstern, über die Fahnenstange, Hestenberger Weide zurück, unbeschreiblich schön (dazu Alarm), Duschka war so lieb und fand, daß Plettenberg (vom Hestenberg gesehen) so schön war wie eine von Gilles gemalte italienische Landschaft. Um ½ 9 waren wir zu Hause. Jup kam mir entgegen, rührend und machte die große Mitteilung. Aufregung, gegessen, getrunken, gehört, bis 1 Uhr nachts. Er fürchtet immer noch die Schlacht an der Somme,, Vergewaltigungen schauerlichster Art, ein zweites Frankreich und damit eine Verlängerung. Konnte nachts nicht schlafen; da bist du also, kleiner Wurm. In der Erschütterung gibt der Ort die Kraft zu neuer Schauspielerei. Erinnerte mich daran, daß Klärchen Dierkes mir sagte: Die Leute kommen, du .
8/9 43. An Mutius; Lieber Herr von Mutius, in der Nacht vom 23.[/]24. August ist unser hübsches Häuschen in Dahlem von einer Luftmine zerstört worden. Die Mine ging 5 m von uns nieder; daß wir am Leben blieben, ist unerklärlich. Doch sind einige Bücher und Möbel, die Bilder „geborgen“, das heißt, sie liegen in einem Schuppen oder bei Bekannten in Dahlem. Alles, was noch wertvoll war (außer den Büchern), ist gestohlen. Ich habe hier in dem elterlichen Haus ein Obdach gefunden. Frau Schmitt ist auch hier und verbringt die Zeit mit zwecklosen Besuchen und Anträgen bei Behörden aller Art, besonders, um eine Transportmöglichkeit zu beschaffen, bisher vergebens. „Sie treiben uns lächelnd hinaus, die Götter..“ Ich bin nicht traurig und habe die Ruine ohne eine Träne, ohne eine Regung der Betrübnis verlassen. Solche „Enthebungen“ haben etwas von einer Katharsis, und besitzverhaftet bin ich nie gewesen. Die Steigerung der Durchsichtigkeit unserer Existenz ist der größte Gewinn solcher Erfahrungen, größer als die Front-Erfahrungen des im Sinne des alten Kriegsbegriffes kämpfenden Soldaten, denn solche Heimaterfahrungen betreffen ja unmittelbar die Heimat und die „Guten“, für die die Soldaten angeblich kämpfen. Auch das Problem der Herrschaft im Luftraum frappant, dank des Zusammenhangs von Schutz und Gehorsam; und schließlich die echte Metaphysik der heutigen Physik. In der Einschlagstunde ging mir ein Vers aus dem Gedicht Däublers „Der Nachtwandler“ durch den Kopf, äußerst deutlich, greifbar, mit überwältigender Bestimmtheit: Des geringsten Eichenfalles Wirkung grinst im Weltenraum. Das ist Expressionismus, aber offenbar ist es noch aktuell. Deinen Gang am Daseinsrande schützen unerfaßte Bande. Alles wird zu eines Balles Unversuchten Rundungstraum. Wie schön wäre es, wenn wir uns einmal hier im Sauerland treffen könnten! Ein Land von zauberhafter Verschlossenheit, dazu die klimatische Grenze zwischen Land und Meer; morgens die Nebel vom Atlantischen Ozean über den Wäldern und Flußtälern, abends die klare, rein-gewaschene Landatmosphäre vom Osten her. Ich weiß nicht, wie lange mein Asyl hier dauert. Vorläufig bin ich hier gefesselt, ohne Hut, ohne Mantel, ohne Unterwäsche, mit heftigen Gehörstörungen (weil Gefäß verletzt). Geben Sie mir bald Nachricht, lieber Mutius, Sie machen mir durch jedes Wort eine große Freude. Teilen Sie auch Grewes unser Schicksal mit; ich weiß keine Adresse mehr. Hoffentlich kommt dieser Brief an. Herzlichst ihr alter und getreuer Carl Schmitt. P.S. Ernst Jünger teilt mit, daß in dem 3. Band von Fabre-Luce, Tagebuch kostete im Schwarzhandel bereits über 600 für Benito Cereno[-]Format; Fabre-Luce hätte das im Gespräch mit Jünger aufgeschnappt; interessante Beispiele der Fernwirkung durch Gespräche.
8/9 43: Rührender Augenblick: Wir kamen nach einem herrlichen Abendspaziergang um ½ 9 zurück. Jup tritt mir entgegen, wie ein älterer Bruder, und teilt mir die Nachricht mit; wie im Alten Testament, wie patriarchalisch;