Dienstag 28/9 43. Schönes kaltes Wetter, herrlicher Kaffee zum Frühstück, Brief an Gremmels, Frau von Schnitzler, Vorlesungsankündigung an die Universität geschickt, arbeitsfreudig, Schauer vor der Entfremdung mit Ännchen, trauriges Dasein eines Flüchtlings. Um 12 zur Bahn nach Siedlinghausen, am Bahnhof Ida Thofel getroffen. Duschka und Üssie brachten mich zur Bahn, im Zug einen Augenblick allein, schöne Ruhe und Einsamkeit. In Hagen eine Stunde Aufenthalt, sehr kalt auf dem Bahnsteig, im Wartesaal auf dem Bahnhof, die armen Menschen, vergaß als Zuschauer, wie arm ich selber bin. Schönen Platz 1. Klasse im Zug nach Bestwig, nett über Kriegsbegriff gelesen, vielleicht überschätze ich doch Quincy Wright. Sah die entsetzlich häßlichen Ortschaften Fröndenburg, Wickede usw. Die Zerstörung durch Möhne-Talsperreneinbruch. Angst, daß diese Häßlichkeit sehr konkrete Folgewirkungen herbeiziehen muß, Zerstörungen grauenhafter Art. Menschen, die sich solche Häuser bauen, müssen sich selbst vernichten. Neheim-Hüsten; glücklich, dieser Enge entronnen zu sein, diesen Fabrikanten und Fabrikantensöhnen, diesen armen Geldmachern, diesem schweinischen Reichtum. Hübsch sind nur die Eisenbahnbeamtinnen in Hosen und Käppis. Dachte an meine Jugend, an Attendorn, meine Mitschüler, meinen unbewußten Respekt vor dieser Art Reichtum, all dem bin ich entronnen, Glück und Fluch. Aber was bedeutet es, daß ich jetzt dahin zurückkehre? In meine proletarische Jugend kehre ich zurück, weiter nichts. Im Zug nach Siedlinghausen die lächerliche Frau, die schrie, weil ihr Kind hustete. Ekelhaft, in Siedlinghausen holte mich Veronica ab, kleidete mich um, Schranz kam, sprach über Konrad Weiß, Rosskopf, die Hochschulmeisterei, nett unterhalten bis zum Essen. Nach dem Abendessen (Veronica ist schwanger und ging ins Bett) 2 Flaschen Alsheimer mit Schranz, Niermann kam noch, ich sprach zu viel, bis 12 Uhr.
Schrieb an Gremmels und Frau von Schnitzler (28/9 43): Die psychischen Reserven von Frau Schmitt sind anscheinend unerschöpflich, und was mich selbst anbetrifft, so gilt der Satz: on se lasse de toût, excepté de penser. An Frau von Schnitzler: Die Zahl der Behörden verdreifacht sich täglich, und mit den Methoden und Denkgewohnheiten des Professors des Völkerrechts und des Verfassungsrechts bin ich gegenüber solchen Problemen in der qualvollen Lage eines Athleten, der gezwungen wird, mit Aufwand größter Muskelkraft leere Streichholzdosen zu stemmen.