Mittwoch, 6. Oktober 1943

  • Tagebucheintrag, Buch 19618

    . Traum: in der Stadtbahn in Berlin, Lehrter Bahnhof, Bellevue, die Geleise sind beschädigt, der Zug stößt und schwankt, etwas fällt mir auf den Kopf (eine Matratze aus dem Gepäcknetz). Immer wieder diese Luftangriffsträume von Berlin. Herrliches Sauerlandwetter, Post (die Fakultät schickt den Entwurf einer neuen Verwaltungsvorlesung), alles nur Vorbereitung, erleichtert. Nachricht von dem schweren Angriff auf Frankfurt in der Nacht von Montag auf Dienstag.⁠ Kann also nicht nach Frankfurt reisen, was mir recht ist. Arbeite etwas an der Sache für das Postministerium,⁠ rührend wenig. Dann Spaziergang in den Saley, ½ 12 wieder in dem weichen Gewebe meiner tröstlichen Jugenderinnerungen; ohne Habe, in vollem Sein. Herrlich, auf der Höhe des Saley, über Basaltgrube zurück, die Berge träumen in sich hinein in der gläsernen Luft. Nagelte einige Kisten, machte die Bahnkisten auf, aß bescheiden zu Mittag und schlief wie tot 2 Stunden bis 4 Uhr. Was soll das hier, ich bin völlig arbeitsunfähig und passiv. Trank Kaffee, Telegramm von Frau von Schnitzler, daß ich mit Duschka kommen soll, doch war das Telegramm vom 2/10. Schrieb ihr gleich einen Brief (weil Duschka mir das sagte), daß wir nicht kommen können, schrieb ich den Vers: Dieser Zeit miteingegoren, ging die Habe mir verloren,⁠ und, unter dem Eindruck des unglaublich schönen Herbsttages: Sollst du umsonst gewesen sein, du selig silberblauer Tag? Brachte den Brief zur Post und ging dann den Graben herauf, zum Böhl, über den Friedhof zurück. Wunderbare Gebirgslandschaft, die Bergkegel wie in einem herrlichen langsamen Rhythmus, der zunehmende Mond in der Mitte ganz hell darüber, den Nebel überwindend. Ruhig und ergriffen, am Grabe der Mutter (Mutter verloren, Habe verloren, was bleibt?). Um 7 wieder zu Hause und mich auf die Flasche Rotwein gefreut. Heute mittag und heute abend in wunderbarer silberblauer Luft. Die Glocke des Angelus gehört und den Angelus gebetet. Das ist noch stärker, als die Leichen und die Abdecker hoffen. Abends beim Essen fragten wir Üssie nach dem schönen Brief, den Anima geschrieben hat, und was sie als Lehrer zu einem solchen Kind sage, sie antwortete ausweichend: euer Sprössling. Abends noch 2 Flaschen Wein getrunken, mit Duschka im Musikzimmer gesessen, Radio gehört, sie ging todmüde um 11 ½ zu Bett, ich blieb noch bis ½ 1. Der finnische Minister hat angeblich gegen die Judenverfolgung in Dänemark protestiert.

    Mittwoch 6/10 43. Traum: in der Stadtbahn in Berlin, Lehrter Bahnhof, Bellevue, die Geleise sind beschädigt, der Zug stößt und schwankt, etwas fällt mir auf den Kopf (eine Matratze aus dem Gepäcknetz). Immer wieder diese Luftangriffsträume von Berlin. Herrliches Sauerlandwetter, Post (die Fakultät schickt den Entwurf …

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