Dienstag 19/10 43. Wieder besser, nachdem ich lange genug im Bett gewesen war, Gefühl der Hilflosigkeit und Zerschmetterung. Nach dem Frühstück (Brief von Djuvara) mit Duschka zum Amt, dort 2 Stunden auf Lebensmittelkarten gewartet, den Bürgermeister gesehen, meinen Vortrag für Budapest überlegt, der anarchistische Affront gegen diese Termitisierung. Erschöpft zurück, immer furchtbar geschwitzt, nach dem Essen etwas Ruhe und schon um 3 zur Stadt, versuchte, beim Friseur anzukommen, vergebens, bei Geck die Schuhe machen lassen, beim Anwalt Küchen das Manuskript des Nomos. Es war gut. Traurig zurück und ins Bett gelegt. Heute einige Begegnungen mit Büchern: Tardif de Moidrey, und Reinhold Schneider, Macht und Gnade (Chamisso), den Gillesgeschickt hatte. Zum Essen aufgestanden, Üssie ist von Lettmecke zurück, eine Flasche Trittenheimer, schmeckte gut, gab Ännchen ein Glas, obwohl sie fürchterlich hysterisch war, spielte mit dem Vater Skat, Ännchen fing um 8 wieder an zu üben, scheußlich, Üssie wurde wütend, schließlich baten wir Ännchen um 10 Uhr, aufzuhören, sie machte eine große Szene, heulte und wurde schwer hysterisch, ich sprach noch eine halbe Stunde mit ihr und sah zu meinem Schreck, daß sie unheilbar ist, mich aus ganzer Seele haßt und unausstehlich findet, daß ich am Sonntag abend bei dem Rechtsanwalt mit meiner Flasche Wein eine lächerliche Rolle gespielt habe, daß sie mich in Bonn immer ekelhaft und anmaßend gefunden hat. Also alles umsonst. Traurig zu Bett, todmüde, aber nervenmäßig zerstört.
Dienstag, 19. Oktober 1943
Zwei Einträge an diesem Tag
1. Tagebucheintrag, Buch 19618
Dienstag 19/10 43. Wieder besser, nachdem ich lange genug im Bett gewesen war, Gefühl der Hilflosigkeit und Zerschmetterung. Nach dem Frühstück (Brief von Djuvara) mit Duschka zum Amt, dort 2 Stunden auf Lebensmittelkarten gewartet, den Bürgermeister gesehen, meinen Vortrag für Budapest überlegt, der anarchistische Affront gegen diese …
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Genannte Entitäten
Personen
- Adelbert Chamisso (30.1.1781-21.8.1838)
- Anna Margarete Schmitt (1902-1954)
- Auguste Schmitt (1891-1992)
- Duška Schmitt (1903-3.12.1950)
- Heinrich Brüggemann (14.2.1897-28.9.1976)
- Johann Schmitt (1853-1945)
- Mircea Djuvara (1886-1945)
- N. N.
- René Tardif de Moidrey (1828-1879)
- Schuster
- Werner Gilles (29.8.1894-23.6.1961)
Werke
2. Tagebucheintrag, Buch 19618
Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch. Gewiß; was aber setzt sich zu Tisch, wenn der Geist erbricht? Wie wir das in Deutschland nach dem Tode Hegels oder Goethes erlebt haben.
19/10 43: Wieder ziehen sich die Berge in den Nebel zurück, überwältigender Nebel, flutend wie ein Meer darüber hängt, der hüllt die Berge im Westen in das tiefste Patinir-Blau; alles wird nahe und verschwimmt ineinander; die Berge scheinen in das Zimmer einzutreten, die Häuser werden wie Schiffe, die Zimmer wie Kajüten. Manchmal hüllt uns der Nebel ein, manchmal die sonnendurchstrahlte durchsichtige Luft. Dann kommt der Nebel, die Berge schwanken wie Schiffe.
Wie grauenhaft, all diese Nationalhymnen, in dieser Musik stecken wir nun drin; das ist doch eine viel schlimmere Erkenntnis, als sie die Strafe und andere hatten, die eine die Grauenhaftigkeit, der Baustile, der damaligen Sprachbegriffe. Wir sitzen in der Musik-Hölle, die furchtbarste aller Höllen; Tonika- Dominanten-Hölle.
22/10 43, an S. Maiwald (erst wollte ich ihm nicht schreiben, tiefes Mißtrauen), Antwort auf seinen Brief vom 18/10, wo er sagt, solche Verluste hätten einen Sinn und Bedeutung. „Was Sie über Sinn und Bedeutung der mir widerfahrenen schreiben, ist richtig. Es ist besonders ein Anlaß, über den Unterschied der Lage eines Soldaten und der eines Zivilisten im brutalen Krieg nachzudenken. Der Soldat erhält eine neue Uniform, wenn er die bisherige verliert, der Zivilist, der seine Kleider verloren hat, erhält einen Bezugsschein usw.; sein Schaden ist kein Opfer, sondern ruhmloses Pech; es fehlt [dem] Volk der kleinste Schimmer von gloire, und die sich plötzlich verzehnfachenden Behörden, mit denen man zu tun hat, behandeln einen auch dementsprechend, können auch gar nicht anders; hinter dem hilflos gewordenen Soldaten steht eine Macht, konkrete Ordnung, die Wehrmacht; hinter dem zerschmetterten Zivilisten steht ein soziales Nichts und der unangenehme Geruch des vom Unglück Betroffenen, vor dem jeder lieber nach einer anderen Richtung schaut.[“] (Verweis auf die These von Monentheuil über Course, 1898).
1682 Nun ja, Ivano Petrowitsch, dann wandern wir nur weiter. (Die Plagen Awwakums[)] Mein Weib fragte: „Wie lange wird dieses Elend wohl noch dauern?“ Und da sagte ich: Markowna, bis zum Tode ist uns auferlegt zu leiden um unseres Heilands Jesu Christi willen. Einen tiefen Seufzer tat sie dann und sagte: Nun ja, Petrowitsch, dann wandern wir nur weiter.
Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch. Gewiß; was aber setzt sich zu Tisch, wenn der Geist erbricht? Wie wir das in Deutschland nach dem Tode Hegels oder Goethes erlebt haben. 19/10 43: Wieder ziehen sich die Berge in den Nebel zurück, überwältigender Nebel, flutend …