Mittwoch, 29. Dezember 1943

Drei Einträge an diesem Tag

  • 1. Tagebucheintrag, Buch 19618

    Mittwoch, 29/12 43. Bis 11 im Bett, Ischiasschmerz im Rücken, Muskelzerrung im Oberarm, mit Mühe angezogen. Angst und Widerwillen vor Berlin und vor Popitz, der mich dahin lockt. Duschka stand auf. Ich schrieb an das Betriebsamt, an Werner Weber, Duschka nähte im Kellerraum. Nach dem Essen mit Anima ins Dorf, Mantel zum Schneider Müller, an die Post die Rente für den Vater geholt (immer die kindische Angst, daß sich einer vordrängt), zu Hause Kaffee, etwas geschlafen, glücklich, daß Duschka wieder auf ist, zum Abendessen eine Flasche Chianti, Ännchen trank natürlich mit, ziemlicher Ekel vor Üssie, traurige Schlange, mit dem Vater Skat gespielt, um 10 ins Bett, Dante Göttliche Komödie gelesen, aber müde, Rückenschmerzen, Armschmerzen, erledigt. (Diese Nacht: Terrorangriff auf Berlin).⁠

    Mittwoch, 29/12 43. Bis 11 im Bett, Ischiasschmerz im Rücken, Muskelzerrung im Oberarm, mit Mühe angezogen. Angst und Widerwillen vor Berlin und vor Popitz, der mich dahin lockt. Duschka stand auf. Ich schrieb an das Betriebsamt, an Werner Weber, Duschka nähte im Kellerraum. Nach dem Essen mit …

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  • 2. Briefentwurf, Buch 19618

    An Adams . Frau Schmitt will unbedingt nach Berlin zurück „Nun, Petrowitsch, dann wandern wir nur weiter.“ Sie schreiben, der Enthusiasmus der frühchristlichen Zerstörung der Welt sei weit und fern von uns. Aber ist das nicht immer dieselbe Situation des christlichen Äon? Die termitisierte massa perditionis der Großstadt ist ja auf ihr „neues Diesseits“ dressiert und kann nach jeder noch so grauenhaften Zerstörung immer nur den alten Ameisenhaufen von neuem beginnen, jeder Erschütterung, jeder Erneuerung, jeder Erweckung, jeder Wiedergeburt unfähig. Die Parallele mit der Zeit der Caesaren und des ersten Christentums ist eben mehr als eine Parallele; es ist die immer identische zentrale Situation des immer noch christlichen Äons. Bei Bruno Bauer ist das besonders klar zu sehen, namentlich in seiner Schrift „Rußland und das Germanenthum“ 1853, deren weltpolitische Kerngedanken den politischen Testamenten der Hohenzollern entsprechen: Preußen (Deutschland) gehört an die Seite Rußlands; der Westen ist keiner inneren Erschütterung mehr fähig; daher sind unsere fällig!

    Jünger fragt mich nach einem Buch von Walter Schubart: Europa und die Seele des Ostens. Haben Sie davon gehört? Es soll vor etwa 10 Jahren erschienen sein.

    Der Anblick der zertrümmerten Wohnblöcke in der Leipziger Straße ist ebenso eine Enthüllung jämmerlichster Gräßlichkeit,⁠ wie der Anblick der Schutthaufen zerstörter Villen in den westlichen Vororten. Hier werden erstaunliche Nichtigkeiten sichtbar. Auch durch Zerstörung der katholischen Pfarrkirche in Dahlem, die jetzt wie eine Kino-Kulisse dasteht und nicht einmal in diesem Zustand auf „Wirkung“ zu verzichten weiß.

    Schreiben Sie bald wieder.

    Adams schrieb: „Wenn das Gehäuse zerbricht, wissen sie (diese alten Frauen und Männer) nicht mehr, was sie tun sollen. Der Enthusiasmus der frühchristlichen Zerstörung der Welt ist weit und fern; vielleicht auch weil die 2. Ankunft und der neue Himmel und die neue Erde nicht mehr geglaubt und gehofft werden.[]

    An Adams 29/12 43. Frau Schmitt will unbedingt nach Berlin zurück Nun, Petrowitsch, dann wandern wir nur weiter. Sie schreiben, der Enthusiasmus der frühchristlichen Zerstörung der Welt sei weit und fern von uns. Aber ist das nicht immer dieselbe Situation des christlichen Äon? Die termitisierte massa perditionis der Großstadt …

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  • 3. Briefentwurf, Buch 19618

    Brief an Werner Weber in Leipzig:⁠ „Ich weiß, wie schwer Ihre Lage ist, lieber Herr Weber, und was Ihrer lieben Frau jetzt alles an physischen und seelischen Leiden zugemutet wird, wie wenig menschlicher Trost hier vermag, weiß ich ebenfalls aus eigener Erfahrung. Trotzdem liegt ein geheimnisvoller Sinn in allem, was geschieht und was uns trifft, und man ist erst dann besiegt und ‚vernichtet‘, wenn man den Zusammenhang mit diesem Sinn selber preisgegeben und abgeschnitten hat. Wir müssen alle in diesen schrecklichen Zeiten unendlich Neues lernen, und wenn ich die grauenhaft zerstörten Wohnblocks der Berliner Innenstadt oder die jämmerlich zusammengestürzten Villen der westlichen Vororte sehe, so glaube ich, Enthüllungen einer falschen und verlogenen Art vom Dasein zu sehen. Selbst die halb-eingerissene katholische Kirche in Dahlem und das von einer Sprengbombe getroffene Pfarrhaus des überaus sympathischen Pfarrers Gebhard nehme ich davon nicht aus. Die termitisierte Großstadtmasse lebt einfach weiter, wie Ameisen, denn“

    29/12 43 Brief an Werner Weber in Leipzig: Ich weiß, wie schwer Ihre Lage ist, lieber Herr Weber, und was Ihrer lieben Frau jetzt alles an physischen und seelischen Leiden zugemutet wird, wie wenig menschlicher Trost hier vermag, weiß ich ebenfalls aus eigener Erfahrung. Trotzdem liegt ein geheimnisvoller Sinn in …

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